Addams Family: Wer ist hier eigentlich normal?

Till Kleine-Möller (Regie/Lichtdesign) und Timo Radünz (Choreographie/Kostüme) im Gespräch mit Dramaturgin Dr. Inken Meents
Freitag 30.10.2026
Olivia Delauré (Wednesday Addams) und Johann Zumbült (Lucas Beineke)
Olivia Delauré (Wednesday Addams) und Johann Zumbült (Lucas Beineke) | © Tom Schulze

Dr. Inken Meents (IM): Durch die Serie »Wednesday« ist die Addams Family heute wieder sehr präsent und beliebt. Wie unterscheidet sich die Musical-Version von den anderen Bearbeitungen und welche Rolle spielt hier die »Familie«?

Till Kleine-Möller (TKM): Das Musical basiert wie andere Adaptionen auf den ikonischen Figuren von Charles Addams und erzählt die Geschichte der exzentrischen Addams-Familie, die mit makabrem Charme und schwarzem Humor auf eine »normale« Welt trifft. Im Gegensatz zur Serie der 60er Jahre ist Wednesday im Musical ähnlich wie in der Netflix-Serie das ältere Kind. Ihre Adoleszenz und Emanzipation stehen dabei neben der Liebesgeschichte zu Lucas Beineke und dem daraus resultierenden Zusammenprall zweier grundverschiedener Familien im Fokus. Ihre Geschichte ist die Synthese aus Individualität und Tradition. Die Addams verkörpern eine liebevolle, wenn auch skurrile Familie, die sich durch Ehrlichkeit und Zusammenhalt auszeichnet – im Gegensatz zur scheinbar »normalen« Familie Beineke, die ihre Konflikte unter der Oberfläche verbirgt. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Auch die Addams sind nicht frei von Konventionen. Ihre Werte sind tief verankert. Sie folgen Ritualen, ehren ihre Ahnen, pflegen klare Rollenbilder und verteidigen ihre familiäre Identität mit Inbrunst. Ihre Individualität ist also nicht anarchisch, sondern eingebettet in ein eigenes, kohärentes Wertesystem. In diesem Sinne sind sie nicht das Gegenteil der Beinekes, sondern eine alternative Form von Konvention. Das Musical zeigt, dass wahre Entwicklung nicht im Bruch mit allen Konventionen liegt, sondern in der Fähigkeit, eigene Werte zu reflektieren, zu öffnen und neu zu verhandeln: Toleranz, Individualität und die Akzeptanz des »Anderen«.

IM: Wie näherst du dich in deiner Inszenierung diesem Stoff?

TKM: Als Regisseur ist es meine Leidenschaft, Geschichten zum Leben zu erwecken und das Publikum in eine andere Welt zu entführen. Meine Arbeit basiert auf der tiefen Überzeugung, dass Theater Menschen verbinden und Emotionen freisetzen kann, die in unserem Alltag oft verborgen bleiben. Bei der »Addams Family« betrachte ich meine Aufgabe als eine faszinierende Reise in die bizarre und zugleich liebevolle Welt dieser unkonventionellen Familie. Diese Familiengeschichte bietet die perfekte Mischung aus Humor, Grusel und Emotionen. Die Herausforderung besteht darin, die Klipp-Klapp-Szenen, Boulevard-Gags und Mittel der typisch amerikanischen Komödie zu timen sowie die Charaktere lebendig und authentisch zu gestalten. Sie sollen das Publikum nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anregen. Dieses Musical ermöglicht, einen solchen unterhaltsamen Abend mit Tiefgang und einer daraus resultierenden Message zu kreieren.

Franziska Becker (Morticia Addams), Tobias Licht (Gomez Addams) und Ballett der Musikalischen Komödie (Ahnen) | © Tom Schulze

IM: Ebenso wichtig für die »Addams Family« und die Inszenierung ist natürlich der Tanz. In der Serie der 60er, den Filmen der 90er sowie in der aktuellen Serie gibt es sie bereits: Tangos zwischen Gomez und Morticia sowie Wednesday-Choreographien. Welche Rolle spielt Tanz im Musical und bei dir, Timo?

Timo Radünz (TR): Ja, in der »Addams Family« spielt der Tanz eine bedeutende Rolle, die weit über bloße Unterhaltung hinausgeht. Er fungiert als Ausdrucksmittel für die Emotionalität und die tief verwurzelte Individualität der Charaktere. Während die Gesellschaft oft Angst vor dem Unheimlichen und Andersartigen hat, zeigt der Tanz, dass die Addams mit ihrer Düsternis in Einklang stehen und ihre Exzentrik feiern. Die choreographierten Bewegungen spiegeln nicht nur ihre unkonventionelle Lebensweise wider, sondern dienen auch als Mittel der Verbindung zwischen den Figuren. In den energiegeladenen und oft grotesken Tänzen entfaltet sich eine Katharsis, die es den Charakteren ermöglicht, ihre Ängste und Freuden auszudrücken. Tanz erlaubt es Menschen, ganz sie selbst zu sein und Normen zu hinterfragen. Zusätzlich zu der charakteristischen Körperlichkeit der Addams Family, die in jeder Szene choreographisch unterstützt wird, ist es auch die tiefe emotionale Bindung zwischen den Familienoberhäuptern Morticia und Gomez, die sich im Tango widerspiegelt. Kennen wir nicht alle das romantische Gefühl der Euphorie, wenn wir zum Tanzen aufgefordert werden? Es ist eine Art nonverbale Kommunikation, die seit Jahrtausenden von Menschen auf der ganzen Welt praktiziert wird und sie zueinander bringt. So wird der Tanz zu einem kraftvollen Symbol für Freiheit, Akzeptanz und die Freude am Anderssein, was auch das Publikum dazu einlädt, sich von den Normen der Gesellschaft zu befreien und das Leben in all seinen Facetten zu zelebrieren.

»Beim Inszenieren geht es mir vor allem darum, in allen Beteiligten den Wunsch zu wecken, am nächsten Morgen um zehn Uhr wieder zur Probe dazusein.«

Till Kleine-Möller

IM: Es gibt im Rahmen dieser durchgängigen Choreographien und der schnellen Klipp-Klapp-Szenen viele Mitwirkende zu integrieren. Alles muss am Ende gut ineinandergreifen. Wie war hier der Probenprozess?

TKM: Beim Inszenieren geht es mir vor allem darum, in allen Beteiligten den Wunsch zu wecken, am nächsten Morgen um zehn Uhr wieder zur Probe dazusein. Dies ist der Herzschlag jeder Probenphase – die Energie und Vorfreude, die entstehen, wenn jede:r Einzelne das Gefühl hat, Teil von etwas Größerem zu sein. Die Arbeit mit dem Ensemble ist für mich ein Austausch auf Augenhöhe: Wir forschen gemeinsam nach den Emotionen, dem Humor und dem Timing hinter den Dialogen und Szenen und lassen Raum für kreative Entfaltung. So entsteht eine Atmosphäre, in der wir nicht nur das Stück erarbeiten, sondern auch ein tiefes Verständnis füreinander entwickeln. Es ist mir ein zentrales Anliegen, dass alle Darsteller:innen ihre Individualität einbringen können, um die besonderen Facetten der Addams-Dynamik auszuloten. Ich freue mich, die Geheimnisse und den schwarzen Humor dieser einzigartigen Familie mit ihnen zu teilen und gemeinsam ein unvergessliches Theatererlebnis zu schaffen.

André Haedicke (Onkel Fester) | © Tom Schulze

IM: Timo, du bist neben Choreographie auch für die Kostüme verantwortlich. Mit der Addams Family assoziiert man einen bestimmten Dresscode. Wie würdest du ihn beschreiben und wie gehst du damit um?

TR Ja, dieser Dresscode ist unverwechselbar und hat seit vielen Jahren Kultstatus erreicht: Eine Mischung aus düsterer Eleganz und groteskem Humor, die die unterschiedlichen Charaktere der Familie sowohl visuell als auch haptisch unterstreicht. Charakteristische Merkmale sind dunkle Farben, allen voran Schwarz und tiefes Violett, kombiniert mit klassischen, zeitlosen Schnitten, die an viktorianische Mode erinnern und zudem die individuelle Generation jedes Familienmitglieds widerspiegeln. So reicht die Inspiration von »Habe ich gestern noch in der Tram gesehen?« bis hin zu »Kenne ich aus dem Geschichtsbuch oder aus dem Museum«. Die Textilien sind oft schwer und wirken fast geisterhaft, wodurch eine Atmosphäre geheimnisvoller Anziehung entsteht. Bei der Gestaltung meines Kostümbildes lege ich Wert auf eine durchgängige Farb- und Materialpalette, um die düstere Ästhetik der Familie zu unterstreichen und das Kostümbild gleichzeitig individuell für die Produktion in Leipzig zu kennzeichnen.

Tobias Licht (Gomez Addams) und Franziska Becker (Morticia Addams) | © Tom Schulze

IM: Wie stellst du die Unterschiede zwischen den Addams und den Beinekes dar?

TR: Während die Addams Family die Freizügigkeit der skurrilen Dunkelheit feiert und Individualität, Exzentrik sowie den Umgang mit dem Unheimlichen zelebriert, verkörpert die Familie Beineke das Bild der konventionellen, bürgerlichen Normalität. Die Unterschiede zwischen der Addams Family und den Beinekes könnten nicht größer sein und zeichnen sich durch ihre kontrastierenden Werte und Lebensanschauungen aus. Ihre strengen gesellschaftlichen Normen und der Drang nach Akzeptanz stehen im krassen Gegensatz zu den unkonventionellen Gepflogenheiten der Addams. Diese Unterschiede werden deutlich sichtbar durch die gegensätzliche Farbpalette und das textile Material: Hochgeschlossen und »formgepresst« wirken ihre Outfits eher wie »so wollen wir wirken« und nicht wie »so sind wir«. Diese unterschiedlichen Familientypen schaffen nicht nur eine spannende Dynamik, sondern werfen auch grundlegende Fragen über Identität, Akzeptanz und das Aufeinandertreffen von Tradition und Innovation auf, indem sie die Komik und Tragik des Daseins auf spielerische Weise verschmelzen.

Jeffery Krueger (Mal Beineke), Tobias Licht (Gomez Addams) und Nora Lentner (Alice Beineke) | © Tom Schulze

IM: Dabei spielen besonders die Farben Schwarz, aber auch Gelb eine Rolle ...

TR: Schwarz, die dominante Farbe der Addams, verkörpert das Unheimliche, das Mysteriöse und die Akzeptanz des Todes als Teil des Lebens. Sie spiegelt die Exzentrik der Familie wider und schafft eine Atmosphäre, die sowohl Eleganz als auch schaurige Schönheit ausstrahlt. Im Kontrast dazu steht das strahlende Gelb der Beinekes, das für Optimismus, Wärme und eine scheinbar unbeschwerte Normalität steht. Diese beiden Farben repräsentieren nicht nur die Gegensätze zwischen den beiden Familien, sondern verdeutlichen auch den inneren Kampf zwischen Individualität und Konformität. Zusammen erzeugen sie ein visuelles Spannungsfeld, das die thematische Tiefe des Stücks unterstreicht und die Zuschauenden dazu einlädt, die Nuancen von Identität und gesellschaftlicher Akzeptanz zu reflektieren. Gleichzeitig sind wir mit dieser spannungsgeladenen Farbkombination von wichtigen Schildern vertraut, wie »Atomkraft«, »Biohazard«, »Baustelle«, »Betreten verboten« oder einfach nur »Achtung!«. Es handelt sich um eine Farbkombination, bei der wir bereits konditioniert sind, genauer hinzuschauen und zu hinterfragen.

IM: Die Farbe Gelb spielt auch beim Día de (los) Muertos (Tag der Toten) eine große Rolle: Oft werden gelbe Blüten als Wegweiser zu den geschmückten »Ofrendas« (Altären) gelegt, damit die Toten den Weg dorthin finden. Ihr greift diesen Feiertag in der Inszenierung auf. Inwiefern?

TKM: Nach altmexikanischem Glauben kommen die Toten einmal im Jahr zum Ende der Erntezeit zu Besuch aus dem Jenseits und feiern gemeinsam mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen mit Musik, Tanz und gutem Essen. Wir nutzen diesen wichtigen Feiertag für den roten Faden der Geschichte, für diejenigen, die die Handlung überhaupt möglich machen: die Ahnen der Familie. Initiiert durch die lebendige Familie wird einmal im Jahr zu Ehren der Ahnen ein Fest gefeiert. Angeleitet durch Onkel Fester dürfen diese Ahnen diesen einen Abend zurück in die Welt der Lebenden. Das kam mir gleich irgendwie spanisch vor ... oder vielmehr mexikanisch.

André Haedicke (Onkel Fester) und Chor der Musikalischen Komödie | © Tom Schulze

IM: Wer sind die Ahnen?

TR: Sie fungieren als spirituelle Wegweiser für die Protagonist:innen. Bei uns sind die Ahnen berühmte Persönlichkeiten wie Frida Kahlo, Marie Curie, Marie-Antoinette oder Napoleon. Wir erhalten dadurch sofort einen Eindruck davon, wie einflussreich die Addams Family seit Generationen war und immer noch ist. Besonders da wir in dem Stück einer jungen, aufstrebenden Frau, Wednesday, folgen, die sich im Selbstfindungsprozess mit den weiterhin klassischen Erwartungen ihrer Eltern auseinandersetzen muss, ist es ermutigend, dass sie aktive Unterstützung von ihren Ahnen erhält. So entsteht ein faszinierendes Ensemble, das unterschiedliche Aspekte von Kreativität, Rebellion und menschlicher Erfahrung repräsentiert. Die Ahnen werden zu Spiegeln vergangenen Lebens, die den Mut und die Herausforderungen der Gegenwart reflektieren und das Publikum dazu anregen, über die eigene Identität und das eigene Erbe nachzudenken.

Sabine Töpfer (Grandma) und Da-yung Cho (Pugsley Addams)

IM: Daneben gibt es noch wichtige Nebenfiguren wie Fester, Pugsley, die Oma oder Lurch. Wie fügen sie sich ein?

TKM: Die Nebenfiguren sind mehr als komische Elemente – sie verkörpern verschiedene Facetten des Andersseins: Fester als liebenswerter Außenseiter mit kindlicher Naivität und undefinierbarem Geschlecht, Pugsley als kleiner Sadist mit großem Herzen, Grandma als anarchische lustvolle Hexe und Lurch als wortkarger Fels in der Brandung. Zusätzlich sind bei uns noch Figuren aus den Cartoons oder anderen Bearbeitungen zu sehen: der haarige Cousin It, das Eiskalte Händchen oder die fleischfressende Pflanze Cleopatra. Gemeinsam bilden sie ein Panoptikum des Unkonventionellen – und zeigen, dass Familie dort beginnt, wo man sich gegenseitig annimmt.