Von kleinen Dingen und tiefer Rührung

Die Schöpfer von »Der Hase mit den Bernsteinaugen« Henry Mason und Thomas Zaufke im Gespräch mit Jeffrey Döring (Dramaturgie)
Donnerstag 15.10.2026
Jannick Harneit, Kara Kemeny, Nora Lentner und Christof Messner in »Der Hase mit den Bernsteinaugen« |
Jannick Harneit, Kara Kemeny, Nora Lentner und Christof Messner in »Der Hase mit den Bernsteinaugen« | | © Tom Schulze

Jeffrey Döring (JD):  Lieber Henry, »Der Hase mit den Bernsteinaugen« ist ein recht komplexes Buch mit vielen historischen Daten und Ortsangaben. Worauf habt ihr besonderen Wert gelegt beim Schreiben dieses Musicals?

Henry Mason (HM), Textbuchautor und Regisseur: Edmund de Waal recherchiert und kommentiert – mal grüblerisch, mal tief ergriffen – die Geschichte seines Buches. Da lag es nahe, dass er auch der Protagonist auf der Bühne sein musste. Somit findet ein Großteil der Geschichte in Edmunds Kopf statt, was uns einen reizvollen Kniff erlaubte: dass sich die Toten über Generationen, Zeiten und Orte hinweg mit den Lebenden unterhalten. So hallen Figurenkonstellationen, Ideen und Empfindungen wie Echos durch die Zeiten wider.

Diese Echos erscheinen als musikalische und textliche Motive: Zum Beispiel ein absteigendes »Hasen«-Motiv, das gleich zu Stückbeginn im Orchester zu hören ist; die Metapher vom Staub, aus der die Familie kommt und in den sie wieder zurückkehrt; und dutzende weitere motivische Wiederholungen, die weit über herkömmliche Musical-Reprisen hinausgehen.

Rob Pelzer, Michael Raschle, Theodor Reindl, Lara Maria Gräffel-Jenke, Olivia Delauré und Mala Frantz | © Tom Schulze

JD: Das Musical umfasst mindestens sechs Generationen von Menschen mit ihren jeweiligen Biographien. Gibt es eine Art Kernthema neben all den Einzelgeschichten?

HM: Edmund im »Hasen« macht sich auf, um das Vergessene, das Verschwiegene, das Verlorene in seiner Familie aufzuspüren. Das Erinnern und das Vergessen ist also ein großes Thema. Ein weiteres ist das Thema der Zugehörigkeit, des Fremdseins in der Welt. Alle Figuren suchen ihren Platz, ein Zuhause, einen Sinn. Ich denke, das ist auch eines der großen Themen des Judentums: das Fehlen einer Heimat.

Die kleinen, »verlierbaren« Netsuke der Familiensammlung verkörpern dieses Fremdsein in der Welt. Gleichzeitig verbinden sie alle Familienmitglieder miteinander. Das Überleben dieser »kleinen Dinge« ist eine berührende Metapher für das, was man vor dem Untergang retten kann. Gleichzeitig weisen die »kleinen Dinge« auch darauf hin, wo das Glück zu finden sein könnte: im Alltäglichen, im Zwischenmenschlichen – wenn wir nur aufmerksam hinsehen.

Darstellerinnen und Darsteller in der Musikalischen Komödie | © Tom Schulze

JD:  Lieber Thomas, euer Musical umspannt 120 Jahre, sechs Nationen, zwei Kontinente. Wie hält man das musikalisch zusammen?

Thomas Zaufke (TZ), Komponist:   Zuallererst spielt das Stück in den 1990ern – der Zeit, in der Edmund recherchiert. Das ist die Klammer für alle anderen Epochen. Die erhalten ein bestimmtes Kolorit:

Odessa hat einen Klezmer-Style; Paris schwebende Harmonien, fast impressionistisch; das Wien der 1920er ist spröder, sachlicher, expressionistischer. Aber musikalisch gerahmt ist alles durch den Blick Edmunds aus einer modernen, heutigen Zeit.

Daneben gibt es Motive, die sich durch das gesamte Stück ziehen. Da ist die Musik des »Hasen«, die mal in Dur, mal in Moll auftaucht. Aber auch das »Familien«-Motiv, das mit Edmunds Frau und Kindern eingeführt wird, später aber in Moll bei Emmy, seiner Urgroßmutter, wieder vorkommt.

JD:  Innerhalb der Handlung altern die Figuren – und somit auch ihre Stimmen. Die unserer Darstellenden nicht. Wie hast du das musikalisch gelöst?

TZ:  Den Alterungsprozess fand ich sehr spannend. Es gibt gar nicht so viele Musicals, in denen Figuren altern. Dargestellt habe ich das über den Tonumfang der Stimmen und harmonische Einfärbungen.

Zum Beispiel ist der junge Viktor zu Beginn sehr hell und hoch. Die Stimme wird zunehmend dunkler, gleitet ins Moll, der Tonumfang wird geringer und auch das Tempo wird gedrosselt.

Darstellerinnen und Darsteller in »Der Hase mit den Bernsteinaugen | © Tom Schulze

JD:  Ihr habt das Musical 2019 in Linz uraufgeführt. Dabei seid ihr Edmund de Waal und später auch weiteren Angehörigen der Familie persönlich begegnet. Hat das deine Beziehung zu dem Stoff verändert?

HM:  Bei der Linzer Uraufführung saß Edmund de Waal tränenüberströmt neben uns, als er seine Familiengeschichte auf der Bühne erlebte. Beim großen Familientreffen im Wiener Palais Ephrussi durften wir für Edmund, seinen Vater und 41 seiner Cousins und Cousinen aus aller Welt das »Tunbridge Wells«-Quartett aus dem »Hasen« singen.

Diese Begegnungen rückten die Geschichte für mich noch näher in die Gegenwart, noch näher ins Bewusstsein. Nur wenige Generationen trennen uns von diesen Ereignissen. Und ähnliche Ereignisse könnten auch heute wieder stattfinden. Ich habe noch stärker als damals das Gefühl, im Dienst dieser Familiengeschichte zu stehen, im Dienst der Erinnerung.

»Henry und mir ist es wichtig, schwierige Themen den Leuten durch Musik emotional nahezubringen – ohne erhobenen Zeigefinger.«

Thomas Zaufke

JD:   Ich hatte den Eindruck, dass manchmal die schmissigsten Nummern am meisten wehtun – besonders in den Reprisen. Hilft diese tanzbare Musik, die emotional schweren Ereignisse zu verarbeiten?

TZ:  Auch wenn das komisch klingt: Wir betreiben Infotainment. Henry und mir ist es wichtig, schwierige Themen den Leuten durch Musik emotional nahezubringen – ohne erhobenen Zeigefinger. Da gibt es zum Beispiel den schwungvollen Charleston mit Emmy und ihren Kindern: Der kommt als Reprise nach ihrem Selbstmord ganz sanft wieder und dort, wo die Küsse der Mutter schnalzten, ist jetzt nur noch eine Lücke. Das hat etwas Vertrautes und gleichzeitig Schmerzvolles.

Darstellerinnen und Darsteller in der Musikalischen Komödie | © Tom Schulze

JD:  Wie ist es für dich, deiner Inszenierung mit einem größtenteils neuen Ensemble ein zweites Mal zu begegnen?

HM:   Ich merke, dass mich diese Geschichte auf einer noch tieferen Ebene als damals berührt. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sich die Welt 2026 dunkler und bedrohlicher anfühlt als die von 2019, dass die Rechtsparteien weltweit erstarken und dass der Antisemitismus, wie auch der Hass auf die LGBTQIA+ Community, immer salonfähiger wird. Die Entwurzelung der Ephrussi-Familie fühlt sich leider sehr »modern« an.