Es ist ein Traum, und man nimmt ihn, wie er ist

Choreograph Juliano Nunes und Kostümbildner Youssef Hotait im Gespräch mit Dramaturgin Anna Diepold
Donnerstag 05.11.2026
Soojeong Choi (Titania)
Soojeong Choi (Titania)

Anna Diepold (AD):  Ihr arbeitet nicht zum ersten Mal zusammen: Lässt sich ein Moment benennen, an dem ihr merkt: Jetzt beginnt die Arbeit an einer Produktion?

Juliano Nunes (JN):  Ich glaube schon. Es gibt diesen Moment, in dem eine Glühbirne angeht. Davor liegt eine lange Suche nach der einen Verbindung, aus der die ganze Welt entsteht. Man recherchiert, man spürt, es kommt, und dann ist an einem Tag einfach das Licht an. Von da an folgen die Dinge aufeinander und die Welt beginnt, als Ganzes. Vieles davon trägt Youssef bereits im Kopf, dort ist es sicher aufgehoben. Ich darf zusehen, wie es nach und nach erscheint, obwohl ich spüre, dass er es längst vor Augen hat. Dieses Entstehen ist wie Lava, eine kreative Lava, die in dieser Welt lebendig wird.

AD: So, wie du es beschreibst, hat das eine große Dringlichkeit. Bei Lava gibt es kein Zurück.

Youssef Hotait (YH): Nein, da gibt es kein Zurück. Ich würde diesen ersten Moment noch gar nicht den Anfang nennen. Danach steht vielleicht die erste Szene auf der Bühne, vielleicht gibt es ein oder zwei Kostüme, denn ich springe ständig hin und her. Erst wenn alles fertig ist und das Universum dasteht, begreifen wir: Das ist die Produktion. Das ist die Welt, in der wir die nächsten Monate verbringen werden. Was wir auch tun, ob Juliano die Bewegungen kreiert oder Entwürfe oder ganze Welten, wir versuchen, Informationen gewissermaßen herunterzuladen, ohne sie zu erzwingen. In dem Moment, in dem wir etwas erzwingen, werden wir uns selbst untreu.

Andrea Carino (Lysander), Igor Silva (Egeus), Caetana Silva Dias (Hermia), Juliano Toscano (Theseus), Ester Ferrini (Hippolyta)

AD: Ich mag sehr, wie ihr beide von euren Arbeiten als Welten und Universen sprecht. Wie fühlt sich das Universum des »Sommernachtstraums« für euch an?

JN: Es fühlt sich nach vielem an. Nach einer Reise, die an der Oberfläche dessen kratzt, was man zu erwarten glaubt, und auf dieser Reise bewegt man sich durch die Zeit. Von der Handlung her ist das Stück manchmal verwirrend, und so fühlt sich alles wie eine Schleife der Verwirrung an. Genau das ist die Welt, die entstanden ist: verwirrte Welten, Orte mit vielen Dimensionen, so stark und so fesselnd, dass sie einen in dieser Verwirrung wach halten. Man ist darin gefangen. Gefangen in der Fantasie, gefangen in der Wirklichkeit, gefangen in den majestätischsten und in den unbequemsten Momenten. Und oft geht es auch darum, einer unsinnigen Geschichte einen Sinn abzugewinnen.

YH:  Es ist ein Traum.

JN:  Es ist ein Traum.

YH:  Wie oft wacht man morgens auf, erzählt einander seine Träume, und nichts ergibt Sinn. Und doch ist das der einzige Moment, in dem man als Zuhörer nichts infrage stellt. Warum steht da plötzlich eine Treppe mitten auf dem Feld? Man nimmt die Geschichte einfach, wie sie ist. Genau so haben wir sie genommen. Wenn ich es eingrenzen müsste: ein Traum, in dem man in das mystische, tiefe Innere seiner selbst reist.

Tiziano Botteri (Puck)

AD:  Es gibt Figuren, die sehr tief hinabsteigen können, andere, die an der Oberfläche bleiben, und solche, die gar nicht mehr nach oben gelangen. Eine Figur kann zwischen all dem hin- und herspringen: Puck. Was bedeutet Puck für euch? Wer ist dieses kleine Wesen?

JN:  Ich entdecke Puck gerade erst. Zu Beginn dachte ich, Puck ist kindlich, und mir wird klar, dass das stimmt. Aber es beschreibt ihn noch nicht ganz. Gestern haben wir uns das Solo angesehen, das ich drei Wochen lang nicht gesehen hatte. Jetzt konnte ich es mit neuen Augen sehen und dachte: Er ist gar nicht nur kindlich. Mir fehlen noch die Worte dafür.

YH: Ich finde, »kindlich« beschreibt ihn gut, denn als Kind ist man alles und nichts zugleich. Puck will Aufmerksamkeit und hat zugleich eine gewisse Eleganz. Er will gefallen und will gleichzeitig im Mittelpunkt stehen. Er ist die Figur, die buchstäblich alles sein kann und manchmal auch gar nichts.

JN:  Ja. Er kennt keine Grenzen, nichts Festes. Sehr kindlich, sehr frei. Er kann jede Rolle spielen.

Evandro Bossle (Oberon) und Tiziano Botteri (Puck)

AD: Und Kinder können wunderbar staunen. Genau das trägt Puck in sich, und eigentlich haben alle Feen dieses Element des Staunens. Wenn ich euch im Studio beobachte oder mir eure Entwürfe ansehe, fällt mir auf, wie wahrhaftig ihr eurer eigenen Vision gegenüber seid. Was bedeutet Wahrhaftigkeit für euch in eurer Arbeit?

YH: Sich selbst dabei zu ertappen, wenn man beim Erschaffen nicht wirklich im Moment ist. Und dabei kann man sich ertappen und ehrlich sagen: Das gehört zu mir, das gehört nicht zu mir. Diese Frage kehrt bei jedem Schritt wieder. Mit Methode oder Strategie hat das wenig zu tun. Je mehr wir künstlerisch und auch als Menschen wachsen, desto mehr wird daraus ein intuitives Wissen. Wahrhaftigkeit bedeutet vor allem Authentizität. Was ich auch gestalte, was wir besprechen, was ich mir ansehe, etwa wenn Juliano meine Rückmeldung möchte: Ich habe immer das Publikum vor Augen, ohne ihm gefallen zu müssen. In diesem Moment bin ich selbst das Publikum. Ich frage mich immer: Was soll dieser Mensch fühlen? Und es gibt eigentlich nur ein Ziel. Dass dieser Mensch in genau diesem Moment alles um sich herum vergisst und einfach genießt, was er sieht.

Nikita Gaćinović (Demetrius), Caetana Silva Dias (Hermia) und Andrea Carino (Lysander)

AD:  Juliano, wonach suchst du, wenn du mit den Tänzerinnen und Tänzern im Saal etwas erschaffst? Was brauchst du in diesem Moment von ihnen?

JN: Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Die Musik leitet alles. Es ist ein Loslassen. Man empfängt Informationen, und im Saal ist es für mich die Musik, mit der ich hereinkomme. Ich wähle nie Musik, zu der ich keine Beziehung habe. Wenn eine Musik mir etwas sagt, dann weil sie in einem Moment völliger Reinheit entstanden ist. Ich weiß vorher nicht, was ich will, weil ich es fließen lassen muss. Dann sehe ich etwas und denke: Ah, das ist ein Gespräch, in dem nichts festgehalten wird. Nach etwas Bestimmtem suche ich nie.

YH: Was ich so beeindruckend finde: Juliano muss vieles gleichzeitig in sich tragen. Er erschafft, er hört die Musik und reagiert intuitiv auf sie. Er hat das Publikum im Kopf, das man selbst ist. Neben ihm steht eine große Zahl von Tänzerinnen und Tänzern. Und darin liegt die Verbindung: in der Reife und der Verantwortung, die Juliano ihnen entgegenbringt. Das finde ich immer sehr schön zu sehen. Hier ganz besonders.

Leipziger Ballett

AD: Und wie du mit der Musik arbeitest, hängt wohl ebenfalls mit dieser Wahrhaftigkeit zusammen. Du machst es möglich, Musik anders zu hören. Gerade bei Mendelssohn, der so eng mit Leipzig verbunden ist, ist es faszinierend zu erleben, wie die Musik plötzlich anders wirkt. Die »Italienische«, beispielsweise, habe ich unzählige Male gehört. Trotzdem gab es Momente, die ich so noch nie wahrgenommen hatte. Jetzt habe ich in dieser Musik neue Lieblingsstellen.

JN: Und dann der Hochzeitsmarsch. Alle erwarten etwas ganz Bestimmtes, und dann bekommen sie Statuen im Streetstyle.

AD: Youssef, deine Herausforderung ist es, eine Vision zum Leben zu erwecken, die zugleich sehr praktisch funktionieren muss. In den Kostümen müssen sich alle in jede Richtung bewegen können. Denkst du die Praxistauglichkeit von Anfang an mit oder findest du die Lösungen im Prozess?

YH: Am Anfang denke ich überhaupt nicht an das Praktische, das kommt später. Zunächst geht es darum, ein Universum zu erschaffen, denn so erwacht das ganze Stück zum Leben. Erst wenn ich für mich entschieden habe, das ist das Kostüm für jede Szene und jede Figur, das ist die Bühne für jede Szene, habe ich die Sicherheit, mich der Technik zuzuwenden. Dann löse ich das. Ich überlasse es nie einfach der Kostümabteilung und sage: Findet ihr heraus, wie es geht. In den meisten Fällen funktioniert es, und manchmal bringen die Werkstätten noch ihre Expertise ein.

Juliano Toscano (Theseus) und Ester Ferrini (Hippolyta)

YH:  Ja. Ich sehe, wie ich die visuelle Identität dieser Figur entwickelt habe, und kürzlich habe ich in der Bewegung eine weitere Ebene bei ihr erlebt, die mich sehr inspiriert hat. Diese Figur in ihrer ganzen Fülle ist Hippolyta. Das hätte ich nicht erwartet, als wir vor einem Jahr angefangen haben. Sie hat Stärke, sie hat Tiefe und zugleich etwas Erhellendes. Das finde ich sehr schön.

JN: Für mich ist es Puck.

AD: Gibt es eine Frage oder einen Gedanken, die den »Sommernachtstraum« für euch zusammenfassen?

JN:  Ich habe das Gefühl, der »Sommernachtstraum« enthält schon so viele Fragen, eine über der anderen. Diese Fragen haben keine Namen und keine Antworten. Aber man spürt immer, dass sie in der Geschichte stecken.

YH: Das stimmt. Vielleicht einfach: Lasst uns alle gemeinsam träumen. Am Ende müssen alle zusammenfinden, und es ist ein Traum. Er ergibt Sinn und ergibt zugleich keinen Sinn. Das ist die ganze Geschichte.