Der Mythos von Orpheus und Eurydike wurde schon viele Male adaptiert, neu erzählt. Was hat dich an diesem Stoff gereizt und wie hast du dich ihm genähert?
Fran Díaz Die meisten Bearbeitungen reduzieren den Mythos auf einen einzigen Aspekt: die Liebesgeschichte und den damit einhergehenden Verlust der Liebe, die Macht der Kunst. Was mich interessiert hat, war das Thema des Verlustes selbst, nur des Verlustes. Und gleichzeitig die Frage nach der Figur: Ich wollte Eurydike zu einer Figur mit echter Handlungsfähigkeit machen. Nicht jemand, der gerettet wird, sondern jemand, der diese Reise selbst durchläuft und dabei vielleicht Momente findet, die so etwas wie Hoffnung versprechen. Deswegen habe ich Orpheus komplett aus der Geschichte genommen. Zu der Zeit, als ich anf ing, mich mit dem Stoff zu beschäftigen, schaute ich mir »Christiane F.« an, ein Portrait einer Sucht, und gleichzeitig kämpfte jemand in meinem näheren Umfeld seit langer Zeit mit einer Depression. Das war sehr präsent
für mich. Die Frage, die mich beschäftigt hat, war nicht: Wer kommt und rettet sie? Sondern: Was bedeutet es, selbst aus der Unterwelt zurückzukehren? Ich habe eine Art Geisterfigur gesucht: jemanden, der mit sehr wenig andeutet, wer sie einmal war oder hätte sein können. Jemand, dem das Gefühl für einen klaren Platz in der Welt abhandengekommen ist.
Anna, was ist dein Weg, dich einer neuen Produktion zu nähern?
Anna Philippa Müller Was mich an der Kostümbildnerei fasziniert, ist, dass Kleidung ein Ausdrucksmittel ist, das jeder benutzt, ob bewusst oder nicht. Wer sich verweigern will, kommt trotzdem nicht drum herum. Als Kostümbildnerin ist man in hohem Maß mitgestaltend, weil man die Figur mit erschafft: Woher kommt sie, was macht sie, welchen kulturellen Hintergrund hat sie, und wie lässt sich das im Bild sagen oder gerade verbergen? Dazu kommen die sinnlichen Fragen: Wie bewegen sich Stoffe im Raum? Welche Qualität haben sie, welche Farbigkeit? Gerade im Tanz ist das eine eigene Sprache. Meine eigene Entwicklung dorthin war eigentlich ein Selbstläufer. Meine Mutter ist Goldschmiedin und hat mit ihrer Arbeitskollegin bei uns in der Wohnung gearbeitet, es gab immer viel Material. Ich habe früh angefangen zu malen, weil es so zugänglich war. Das nächste leicht zu bearbeitende Material war Textil, und irgendwann war klar, dass das mein Weg ist. Für eine neue Produktion gehe ich zuerst in die Bibliothek, ins Museum, schaue Filme und sammle sehr viel Material. Wenn es noch keine Musik gibt, mache ich eine Playlist, manchmal male ich
Musik auch erst einmal, als sinnlicher Zugang. Am Ende hat man zehntausende Bilder und Assoziationen, die sich in langen Gesprächen mit der Choreographie destillieren. Fran und ich teilen ein Atelier, die Wege sind also kurz. Und am Ende bleiben vielleicht zehn Bilder übrig.
Für eine neue Produktion gehe ich zuerst in die Bibliothek, ins Museum, schaue Filme und sammle sehr viel Material. Wenn es noch keine Musik gibt, mache ich eine Playlist, manchmal male ich Musik auch erst einmal, als sinnlicher Zugang. Am Ende hat man zehntausende Bilder und Assoziationen, die sich in langen Gesprächen mit der Choreographie destillieren. Fran und ich teilen ein Atelier, die Wege sind also kurz. Und am Ende bleiben vielleicht zehn Bilder übrig.
Wo befinden sich Eurydike und die anderen Figuren, und was hat das für eure jeweilige Arbeit bedeutet?
FD Auf einem Flughafen. Das ist ein Zwischenraum, eine abgeschlossene Situation, die nach eigenen Regeln funktioniert, jenseits von Nationalstaaten und eindeutiger Zugehörigkeit. Irgendwie wie das Fegefeuer. Gleichzeitig versammelt der Flughafen die widersprüchlichsten Emotionen: Aufbruch, Hoffnung, Neuanfang auf der einen Seite. Auf der anderen Seite werden dort Privatsphäre und Identität permanent in Frage gestellt. Man gibt sein Gepäck ab, stellt seinen Körper für Kontrollen zur Verfügung, und je nachdem, wer man ist, hat man dabei sehr viel mehr oder weniger zu überwinden. Alles ist codiert, jeder hat eine Rolle und eine Funktion. Und genau da war es interessant zu sehen, wie jemand ohne klaren Platz in diesem System existiert. Diese Spannung war genau das, was wir brauchten.

APM Die größte Herausforderung für das Kostümbild war die Reduktion: nicht zu direkt zu sein, nicht zu sagen »Das ist ein Flughafen in einer bestimmten Stadt zu einer bestimmten Zeit«, sondern einen Ort zu erzählen, der sich öffnet. Ich habe versucht, eine Synthese zu finden zwischen dem, was man direkt lesen kann, und dem, was sinnlich bleibt, ohne sich festzuschreiben.
Diese Synthese ist immer auch mit damit verbunden, eine gewisse Welt zu schaffen. Nicht alle Figuren, die wir auf dem Flughafen treffen sind gleich. Wie bist du damit umgegangen?
APM Kleidung verrät immer den sozioökonomischen Hintergrund einer Person, aber auch das, was jemand gerne wäre. Kleidung ist gleichzeitig Ist-Zustand und Wunschbild. Was mich politisch beschäftigt, ist die Frage nach Codes, die sich nur von innen lesen lassen. Soziale Zugehörigkeit ist nicht einfach mit Geld oder Bildung zu erwerben. Wer aufsteigen will, stößt auf Türen, für die es keine äußere Schlüsselform gibt. Man wird immer als der/die andere erkannt. Kostümbild wird dann politisch, wenn man diese Mechanismen aufdeckt, oder wenn man sich erlaubt, eine andere Welt zu behaupten. Bei Eurydike stellt sich das ganz konkret: Schafft sie es, sich zu befreien, oder bleibt sie in der Depression, im Limbus gefangen? Und was bedeutet die Farbe, die sich im zweiten Akt in ihrem Kostüm entfaltet? Ist das schon, was sie ist? Was sie werden will? Oder die Hoffnung selbst?
Kannst du uns einen Einblick in die musikalische Welt des Abends geben?
FD Wir arbeiten mit drei polnischen Komponisten, alle mit Werken aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Kilar, Górecki und Penderecki. Alle Kompositionen bringen für mich viel Zug und Drama, aber auch Momente großer Stille, mit. Für die Tänzerinnen und Tänzer war das eine echte Herausforderung: Die Rhythmen sind komplex, und Gruppenpassagen erfordern sehr präzises gemeinsames Zählen.
»Virtuosität ist ein zentraler Teil meines Prozesses.«
Wie würdest du deine Choreographiesprache beschreiben, und was bedeutet Virtuosität für dich?
FD Virtuosität ist ein zentraler Teil meines Prozesses, aber nicht in dem Sinne, wie wir sie als Publikum meistens verstehen. Wenn wir an Tanz denken, denken wir oft an große Sprünge, Drehungen, eine bestimmte Art von Spektakel. Was mich interessiert, ist die Frage: Was passiert, wenn man das reduziert? Wenn man aus einem viel kleineren Vokabular schöpft, aus Bewegungen, die fast alltäglich wirken? Wenn man diese Bewegungen durch Rhythmus und durch eine bestimmte emotionale Präsenz miteinander verbindet, entsteht eine andere Art von Virtuosität. Und das ist es, was mich reizt: aus dieser Reduktion heraus etwas zu finden, das trotzdem groß wirkt, das einen wirklich trifft.
Wir haben alternierende Besetzungen für einige Figuren, so auch Eurydike. Verändert sich die Figur, wenn sie von verschiedenen Personen getanzt wird?
FD Das ist etwas, das mich selbst überrascht hat. Anfangs kam die Figur aus diesem Wunsch heraus, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit zu erkunden. Dann habe ich mit Marcelino und Yun gearbeitet, und beide haben so klar definierte Persönlichkeiten, und sie sind so verschieden in ihrer Art, Dinge anzugehen, dass die Figur sich verschoben hat, und sie verschiebt sich jedes Mal weiter, wenn eine von beiden die Rolle tanzt. Marcelino hat eine unmittelbare, fast physische Wucht. Bei Yun liegt alles in den Zwischentönen, nicht in den Höhepunkten. Es ist schön zu sehen, wie eine Figur in zwei verschiedenen Menschen auf so unterschiedliche Weisen lebt.
Was hat euch im Probenprozess am meisten überrascht?
FD Wie offen sich alle auf diesen Stil eingelassen haben. Die Bewegungssprache, mit der wir arbeiten, ist sehr anders als das, was das Ensemble gewohnt ist: reduzierter, zeitgenössischer, für manche wirklich Neuland. Und trotzdem gibt es eine Energie im Raum, die ich nur als sehr schön beschreiben kann. Diese Bereitschaft, sich wirklich hinzugeben, auch wenn etwas schwer ist.
APM Ich kann mich da nur anschließen. Ich habe mich mit Gewandmeisterinnen unterhalten, die seit Jahrzehnten im Haus arbeiten und immer noch so viel Neugier mitbringen, sich auf eine neue Kostümbildnerin einzulassen. Ich komme nicht vom Ballett, sondern aus Film und Sprechtheater, und diese Offenheit empfinde ich als echtes Geschenk. Ich habe eigentlich bei jeder Probe Gänsehaut.
- Fran Díaz / Krzysztof Penderecki, Henryk Mikołaj Górecki u. a.
Eurydice
Leipziger Ballett Sun 14.06.2026 | 17:00 | OpernhausEinführung 30 Min. vor Vorstellungsbeginn im Konzertfoyer
- Fran Díaz / Krzysztof Penderecki, Henryk Mikołaj Górecki u. a.
Eurydice
Leipziger Ballett Fri 19.06.2026 | 19:30 | OpernhausEinführung 30 Min. vor Vorstellungsbeginn im Konzertfoyer
- Fran Díaz / Krzysztof Penderecki, Henryk Mikołaj Górecki u. a.
Eurydice
Leipziger Ballett Wed 24.06.2026 | 19:30 | OpernhausEinführung 30 Min. vor Vorstellungsbeginn im Konzertfoyer
- Fran Díaz / Krzysztof Penderecki, Henryk Mikołaj Górecki u. a.
Eurydice
Leipziger Ballett Fri 26.06.2026 | 19:30 | OpernhausEinführung 30 Min. vor Vorstellungsbeginn im Konzertfoyer
- Fran Díaz / Krzysztof Penderecki, Henryk Mikołaj Górecki u. a.
- Resume
Eurydice
Leipziger Ballett Sat 19.09.2026 | 19:00 | OpernhausEinführung 30 Min. vor Vorstellungsbeginn im Konzertfoyer
- Fran Díaz / Krzysztof Penderecki, Henryk Mikołaj Górecki u. a.
Eurydice
Leipziger Ballett Sat 26.09.2026 | 19:00 | OpernhausEinführung 30 Min. vor Vorstellungsbeginn im Konzertfoyer
- Fran Díaz / Krzysztof Penderecki, Henryk Mikołaj Górecki u. a.
Eurydice
Leipziger Ballett Fri 02.10.2026 | 19:30 | OpernhausEinführung 30 Min. vor Vorstellungsbeginn im Konzertfoyer
- Fran Díaz / Krzysztof Penderecki, Henryk Mikołaj Górecki u. a.
Eurydice
Leipziger Ballett Sun 11.10.2026 | 17:00 | OpernhausEinführung 30 Min. vor Vorstellungsbeginn im Konzertfoyer



