Eine der vollkommensten Opern

Regisseur Vasily Barkhatov im Gespräch mit Dramaturgin Dr. Kara McKechnie
Friday 09.10.2026
Franz Xaver Schlecht (Eugen Onegin) und Olena Tokar (Tatjana)
Franz Xaver Schlecht (Eugen Onegin) und Olena Tokar (Tatjana) | © Kirsten Nijhof

Kara McKechnie (KMcK): Was bedeutet dir diese Oper?

Vasily Barkhatov (VB): Ich wollte sie schon als Student inszenieren. Es ist eine Ausnahme-Partitur; jedes Mal, wenn man sie aufschlägt, findet man neue Details in der musikalischen Dramaturgie. Es ist selten, dass die Psychologie sich so perfekt durch die Musik ausdrückt – und die Musik liefert uns manchmal präzisere Informationen, als die Worte es können. Es geht mir nicht so sehr darum, dass es eines der berühmtesten Meisterwerke der Opernliteratur ist, sondern ich liebe »Eugen Onegin«, weil es eine detaillierte Studie über das Leben ist, über die persönlichen Probleme von Menschen, die man durch die musikalische Sprache so gut kennenlernt.

»Es ist eine Ausnahme-Partitur; jedes Mal, wenn man sie aufschlägt, findet man neue Details in der musikalischen Dramaturgie.«

VASILY BARKHATOV

KMcK: Du nennst »Eugen Onegin« eine der vollkommensten Opern ...

VB:  Ja. Es ist komisch, dass Tschaikowski zunächst gar nicht daran dachte, aus diesem Stoff eine Oper zu machen; Puschkins Versepos war immerhin eine der populärsten und berühmtesten Werke der Zeit. Plötzlich las Tschaikowski es in einer Nacht durch und begann danach sofort mit der Arbeit. Er hatte eine Verbindung mit den Charakteren gespürt und genau das ist es, was uns an der Oper heute noch anzieht. Man fühlt alle Veränderungen in den Köpfen und den Seelen der Figuren. Die Partitur des »Onegin« wirkt fast wie eine Art medizinisches Rezept, weil Schmerz und Leiden in solcher Vollkommenheit perfekt abgestimmt sind.

Chor der Oper Leipzig | © Kirsten Nijhof

KMcK: Hat die Oper für dich einen zentralen Moment, oder findet man ihr Zentrum eher in einer der Figuren?

VB: Wie viele interessante Fragen ist diese schwer zu beantworten. Zu Beginn dachte ich, dass es Tatjana ist, aber dann sind es eben auch Onegin und seine unglaubliche Dummheit an manchen Stellen. Am Schluss haben alle ihr Leben und ihre Arbeit sortiert und er sitzt zwischen den Stühlen; das ist bitter. Die Struktur der lyrischen Szenen ist nicht so, dass es einen zentralen Charakter oder Moment gibt. Tschaikowski wollte die Oper auch an einem Punkt »Tatjana Larina« nennen, er beginnt immerhin das Vorspiel mit Tatjanas Motiv. Natürlich ist sie der Motor, der Antrieb für die Oper, aber sowie wir mit Tatjana anfangen, enden wir mit Onegin und fühlen Mitleid, weil er auf der ganzen Linie verloren hat. Tschaikowski entschied sich dann doch dafür, den schon bekannten, populären Titel von Puschkin zu übernehmen. Er hat aber die Schwerpunkte immer wieder verlagert. Es ist interessant, die Geschichten aller Charaktere, ihrer Traurigkeit und Einsamkeit, ihr Warten auf Glück und bessere Zeiten, zu verfolgen. Das ist auch bei Filipjewna so, die ihre eigene tragische Geschichte hat, und bei Larina und Olga natürlich auch.

Olena Tokar (Tatjana) und Daniel Arnaldos (Triquet) | © Kirsten Nijhof

KMcK: Du hast »Onegin« einmal eine Oper über die Ironie des Lebens genannt ...

VB: Ja, das stimmt. Es beruht auf der im Vergleich mit vielen monumentalen Opernhandlungen aus dem 19. Jahrhundert »kleinen« Tatsache, dass Tatjana Onegin will, als dieser noch nicht dazu bereit ist – und auch nicht dafür, dass sie den ersten Schritt macht! Er fürchtet sich vor diesem »Geschenk«, aber ich interpretiere es so, dass er sich doch in Tatjana verliebt hat. Vielleicht will er das Gleiche wie sie, aber fürchtet sich ein wenig – »Ich muss erst mal reisen und meinem Schicksal folgen ...« Als er zurückkommt, sagt er »Ich bin bereit, ich liebe dich, ich weiß jetzt, dass Du mein Schicksal bist.« Aber dafür steht sie jetzt nicht mehr zur Verfügung. Sie hat sich weiterentwickelt.

KMcK: Hast du unter den Charakteren jemanden, an dem Du besonders hängst?

VB: Ich mag Olga besonders. Sie ist eigentlich traurig und unglücklich und versucht, das zu verbergen und zu tun, als hätte sie immer viel Spaß bei allem. Aber ganz tief drinnen ist sie verwundet und zerstört. Eine sehr klare und anrührende Persönlichkeit. Ich glaube nicht, dass es etwas Böses in ihrem Charakter gibt. Tatjana, die ältere Schwester, nimmt für sich das Komplizierte in Anspruch; Olga ist noch sehr jung und sucht ihren Weg. Ein trauriges, unglückliches Kind. In ihrer Arie singt sie auch davon, wie glücklich sie ist, so glücklich ... aber sie endet in einer ganz tiefen Lage. Es klingt, als könne sie sich selbst nicht ganz davon überzeugen. Das rührt mich.

Matthias Stier (Lenskij) und Maya Gour (Olga) | © Kirsten Nijhof

KMcK: Was bedeutet es dir, an dieser Produktion alle paar Jahre weiterarbeiten zu können, sie weiterzuentwickeln?

VB: Es ist ein sehr wichtiges Werk für mich und ich bin sehr glücklich, mich hier in Leipzig wieder damit beschäftigen zu können. Ich werde wieder kleine Details finden, die ich den Charakteren hinzufüge. Die Struktur und das Bühnenbild verändern sich nicht, aber immer, wenn ich die Partitur öffne, finde ich viele wunderbare Details in der musikalischen Dramaturgie, die sich auf das Verhalten der Figuren auswirken und die mir vorher vielleicht noch nicht aufgefallen sind. Ich liebe das! Es ist wie ein Dialog mit der Partitur und dem Libretto und ich bin sicher, dass es für mich darin noch viele Dinge zu entdecken gibt.

Als ich studierte, sah ich auf einer VHS-Videokassette eine Produktion von »Onegin« in der Inszenierung von Peter Konwitschny hier in Leipzig. Dies ist immer noch eine meiner Lieblingsproduktionen und hatte zusammen mit Puschkins Epos einen großen Einfluss auf mich. Im damaligen Russland war das, als käme diese Produktion von einem anderen Planeten. Konwitschny arbeitet so präzise, weil er musikalisch so versiert ist und die Partitur so detailliert erfasst. Auch, wenn er den Bühnenanweisungen oder dem Charakter der Musik nicht folgt, dann weiß er ganz genau, welche Regeln er bricht und warum er das tut. Die eindrücklichsten Szenen in seiner »Onegin« Produktion waren für mich das Duell und die Polonaise, die direkt darauf folgte. Erst nach Lenskijs Tod findet Onegin das kleine Buch mit den Gedichten in der Tasche Lenskijs und realisiert, dass er ein Dichter war, ein ernstzunehmender Dichter. Und die Polonaise tanzt Onegin mit dem Leichnam Lenskijs; das war und ist für mich ein überwältigendes Bild.

»Ich werde wieder kleine Details finden, die ich den Charakteren hinzufüge.«

VASILY BARKHATOV

KMcK: Was erklärt den anhaltenden Erfolg der Oper?

VB: Die Geschichte ist sehr zugänglich und menschlich – man erkennt sehr gut die Ironie des Lebens. Es gibt Dinge in der Vergangenheit, die man bereut, Momente, wo etwas Wichtiges verlorengeht. Manchmal bereut man diese Momente bis ans Ende des Lebens. So einfach ist das – und so menschlich.