Die meisten kennen die Geschichte vom hässlichen Entlein. Wie wird das bekannte Märchen an der Musikalischen Komödie neu entdeckt?
Romy Sarakacianis: Das Besondere ist vor allem, dass die Musik und die Erzählfassung zu diesem Märchen aus unserem eigenen Haus stammen. Der Autor und Komponist Marko Drechsel ist Klarinettist im Orchester der Musikalischen Komödie. Sein Stück wurde zunächst intern für interessierte Kolleginnen und Kollegen aufgeführt. Als ich es sah, war mir klar: Das müssen wir als Tanzprojekt machen, da es eine wichtige Botschaft mit der Freude an der Bewegung verbindet. Und man kann es so auch verstehen, wenn man mit einer anderen Sprache aufwächst oder noch nicht so lange in Deutschland ist.
Inken Meents: Wir haben natürlich auch beim Lesen dieser Märchen-Fassung nochmal genau geschaut, was und wie die Geschichte erzählt wird. Ist es kindgerecht verständlich? Wie gehen wir mit dem Thema »Hänseln« um? Uns ist es wichtig, zu erzählen, dass die »Hässlichkeit« eine Zuschreibung im Vergleich zu dem ist, was man kennt und gewohnt ist. Wir spüren emotional dieser Ungerechtigkeit nach und lernen, dass nicht alles so ist, wie es scheint.
Wie wird bei euch die Welt des Entleins auf der Bühne lebendig?
Sara Brandão: Die Welt des Entleins wird neben der Musik vor allem durch die Choreographie und den Ausdruck lebendig. Die Bewegungen nehmen die Kinder mit in die Gefühlswelt des Entleins und machen sichtbar, was es denkt und vor allem, wie es sich fühlt. So können die Kinder die Geschichte nicht nur sehen, sondern auch emotional miterleben.

Im Stück gibt es Text, Musik und Tanz: Wie funktioniert das alles zusammen?
SB: Text, Musik und Tanz bilden drei Säulen, die sich gegenseitig unterstützen und ergänzen. Gemeinsam sprechen sie verschiedene Sinne der Kinder an und fördern ihre Aufmerksamkeit. Die Kinder können sehen, was sie hören, und das Gehörte durch die Bewegungen und den Tanz spüren.
»Viel wichtiger ist die innere Schönheit: Wie verhalte ich mich anderen gegenüber?«
Muss das Entlein erst schön sein, kann es nicht einfach dazugehören, so wie es ist?
IM: Das Entlein ist ja eigentlich ein Schwan. Es kann gar nicht nach »normschönen Entenmaßstäben« bewertet werden. Dieses Missverständnis wird aber zum Aufhänger dafür, dass wir grundsätzlich hinterfragen sollten: Ist jemand »hässlich«, nur weil sie oder er nicht so aussieht, wie wir es erwarten würden? Was wir schön oder hässlich finden, hängt vom persönlichen Empfinden ab und unterscheidet sich je nach Zeit und Ort. Viel wichtiger ist die innere Schönheit: Wie verhalte ich mich anderen gegenüber? Das Stück lädt dazu ein, die Kategorien von Schönheit zu hinterfragen – besonders Erwachsene! Denn: Wenn ich meinem Kind sage, es ist so oder so, dann glaubt es das und wendet diese Maßstäbe auch an. Das »hässliche Entlein« nimmt sich erst als solches durch die Aussage der Mutter wahr, die die Geschwister nachahmen. Am Ende, wenn es sich als Schwan erkennt, wird es nicht von der äußeren Erscheinung her »schön«, sondern erkennt bloß seine wahre Identität. Die Schönheit liegt in dieser Selbstfindung, also der Feststellung, dass alle – etwa Vögel oder Menschen – unterschiedlich sind, und darin, dass die anderen Vögel ihre Ungerechtigkeit erkennen und der Schwan nun frei von Vorurteilen leben kann.

Das Märchen ist auch mobil buchbar und es werden Kitas mit eingebunden. Wie genau?
RS: Die Kinder aus den Kitas werden Teil der Aufführung und tanzen die Geschwister des »hässlichen Entleins«. Ungefähr vier Wochen vor der Vorstellung beginne ich in der Kita, mit den Kindern Bewegungen zu entdecken, kleine Abfolgen zu lernen und in die Geschichte einzutauchen. Wir sprechen über die Gemeinheiten der anderen Vögel, über »schön« und »hässlich« und finden heraus, was uns besonders macht. Ich freue mich, dass die Kinder voll Begeisterung dabei sind und auch den Zauber des Theaters mit den Profis gemeinsam erleben. Auch die Kolleginnen und Kollegen sind von den Küken verzaubert worden.
Kindergärten können »Das hässliche Entlein« mobil buchen unter Junge.Oper@oper-leipzig.de
