Leipziger Ballett

Kontemplation

Mario Schröder spricht über das Choreografieren und seine Vorbilder.

von Nele Winter Samstag 19.12.2020
Mario Schröder in seinem Büro © Ida Zenna

Es geht weiter mit dem zweiten Teil der Reihe #marioschroeder10. Diesmal spricht der Ballettdirektor und Chefchoreograf des Leipziger Ballett über seine Vorbilder und warum Choreografieren für ihn nicht nur auf guter Vorbereitung, sondern auch auf Instinkt und Austausch mit den Tänzerinnen und Tänzern basiert.

Sternschnuppen

Wenn ich choreografiere, ist es häufig so, als würde ein Glühwürmchen aufleuchten oder eine Sternschnuppe vom Himmel fallen. Man kann es nicht erklären, man sieht es nur und merkt, dass es etwas mit einem macht. Diese Sternschnuppe wird dann zum Anlass, darüber nachzudenken. Ähnlich verhält es sich mit Musiken und Themen. Diese kommen nicht auf Knopfdruck, denn man ist keine Maschine. Andererseits können äußere Räume und Situationen dazu führen, dass man plötzlich einen Auslöser erhält. Manchmal ist man dann auch so überrascht, wie etwas entstanden ist, dass man gar nicht registriert, wie viele Stufen es gebraucht hat und wie lang der Weg ist, um dahinzukommen. Dass die Impulse aus dem Nichts kommen, ist, so glaube ich, nicht möglich. Es gibt immer einen Vorlauf. Auch eine Leere und eine Erschöpfung können dabei eine Rolle spielen, damit es einem gelingt wieder neu beginnen zu können.

© Ida Zenna
© Ida Zenna

Instinkt

Obwohl ich mit einer klaren Vorstellung und gut vorbereitet ins Studio gehe, entscheide ich vieles instinktiv. Ich weiß genau, wie die Bewegung aussehen soll. Ich weiß aber nicht, ob sie auch wirklich so instinktiv vom Tänzer ausgeführt werden kann, bis ich ihn vor mir habe. Deshalb ist beim Kreieren der Dialog mit dem Künstler so wesentlich. Natürlich studiere ich dann die Schritte ein, lasse aber auch Freiheiten, wenn ich merke, dass ich hier und da ein Fenster auflassen kann und wenn der Tänzer hindurchspringt, fange ich ihn auf. Oder ich springe raus und er muss mich auffangen. Der erste Schritt zum Choreografieren ist häufig dabei immer der schwerste. Es gibt da ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Das kann nur entstehen, wenn man mit Vertrauen ins Studio hineingeht und aber auch im Gegenzug Vertrauen geschenkt wird.

© Ida Zenna
© Ida Zenna

Vorbilder

Meine Vorbilder sind nicht nur Tänzer und Choreografen. Ich glaube, dass jeder Mensch etwas in sich trägt, das einen faszinieren kann, aber nicht muss. Was mich vor allem inspiriert, sind Menschen, die einen Kosmos in sich tragen. Menschen, die empathisch sind und nicht aus einem Egoismus heraus im Leben stehen. Menschen, die Wissen mitbringen, um etwas entstehen zu lassen. Da gehören Musiker und Komponisten genauso dazu wie Wissenschaftler, aber auch Freunde und Menschen, die einen komplett anderen Beruf haben. Meine Mutter ist das beste Beispiel dafür. Der Instinkt und die Liebe meiner Mutter haben mich zum Tanz gebracht. In dieser Familie zu leben, meine Schwester Silvana neben mir zu wissen, zu spüren, da ist jemand, der dich beschützt und der auch eine Form von Vorbild ist, war ein großes Glück für mich. Uns verbindet ja nicht nur die Familie, sondern auch die unsere Funktion als Ballettdirektor und Choreograf, wobei es mir schwerfällt, Leben und Arbeit voneinander zu trennen. Das gehört für mich irgendwie zusammen. Um so wichtiger ist es zu wissen, dass es Menschen gibt die einen dabei auffangen.