Leipziger Ballett

Inspiration

Mario Schröder spricht über seinen Umgang mit Kreativität.

von Nele Winter Freitag 15.01.2021
Chefchoreograf und Ballettdirektor Mario Schröder © Ida Zenna

Für einen Künstler wie Mario Schröder, der ständig neue Ideen entwickelt und choreografisch umsetzt, ist das Thema Inspiration besonders wichtig. Woher kommen die Ideen für seine Choreografien? Fällt ihm das kreative Arbeiten leicht? Darum geht es im dritten Teil der Reihe #marioschroeder10.

Die innere Stimme

»Eine Inspiration funktioniert nicht auf Knopfdruck. Manchmal gibt es sicherlich Themen, wo der anfängliche Zugang einem schwer erscheint, jedoch ist die intensive Suche nach einem Schlüssel hierzu die entscheidende Kraft zur Inspiration. Dabei ist zu beachten, dass der erste inspirierende Schritt, den man geht, immer etwas in einem selbst auslöst. Dieser birgt inhaltliche Folgen in sich, indes es wichtig ist hierzu auf die innere Stimme zu hören. Das Spiel zwischen Kommunikation und Reflexion ist ein Wichtiger Prozess, nach außen wie von innen, um sich inspirieren zu lassen. Wenn mich ein Thema, eine Musik oder eine Geschichte findet und mich inspiriert, muss ich es zuerst aufnehmen, es zulassen und daraufhin folgt erst der nächste Schritt zur künstlerischen Auseinandersetzung. Im Grunde genommen ist Inspiration für mich alles, was uns als Menschen umgibt, mit dem wir uns nicht nur selbst konfrontieren, sondern auch von außen konfrontiert werden.«

© Ida Zenna
© Ida Zenna

Ein neuer Planet

»Wenn ich ein Filmregisseur wäre, könnte ich zum Beispiel aus einer Interview-Situation, so wie wir hier sitzen und uns unterhalten, eine Szene arrangieren. Dieses Gedankenspiel führt dazu, dass ich als Choreograf anfange aus Sicht der Kameraführung zu denken. Dadurch öffnet sich die nächste Tür und ich überlege, welche Aktionen wir nach Außen setzen könnten und achte insbesondere darauf, welche inhaltlichen Bedeutungen daraus erfolgen würden. Interessant ist dabei sich die Frage zu stellen in welchem Raum, in welchem Rhythmus und in welcher Dynamik diese Aktionen stattfinden sollten und in welcher Zeitmatrix wir uns bewegen. Die gesellschaftspolitischen wie auch zwischenmenschlichen Abläufe zu reflektieren, bedeutet, dass automatisch ein neuer Planet entstehen kann. Wenn aus dieser beschriebenen Szene dann ein Tanz werden würde, käme man nicht mehr darauf, dass eine gewisse Interview-Situation einmal der Auslöser dazu war. Von der Ursprungsidee zum Gesehenen auf der Bühne ist es somit ein langer Weg, der einen grundlegenden Abstraktionsaspekt beinhaltet. Vielleicht ist dieser Prozess eine andere Form von Freiheit, weil das für mich auch bedeutet eine freie Themenwahl zu haben.«

© Ida Zenna
© Ida Zenna

Kreativität und Erschöpfung

»Für mich persönlich ist es ein großer Luxus, kreativ arbeiten zu dürfen. Ich glaube übrigens, dass jeder Mensch einen kreativen Moment in sich trägt. Es gibt wiederum Phasen, in denen man nicht zur Ruhe kommen kann. Denn in der Entstehung einer Choreografie kann ein kreativer Prozess unglaublich anstrengend sein, da nur du allein die Entscheidungen fällst. Manchmal ergeben sich Situationen, in denen man sich fühlt wie im siebten Himmel und am nächsten Tag wie im Irrenhaus oder in einem dunklem Raum – damit meine ich natürlich nicht das Opernhaus (lacht). Die daraus resultierende Sehnsucht nach Ruhe jedoch kann wiederum zur schöpferischen Inspiration dienen. Sogar ein tiefes Nichts, in das wir manchmal fallen, in denen man sich zwar so leer fühlt wie ein ausgetrockneter Schwamm, kann eine inspirierende Wirkung auslösen. Wir haben das große Glück, an einem Ort zu arbeiten, der uns die Möglichkeit gibt zu kreieren und zu kommunizieren. Wir können aber nur etwas entstehen lassen, wenn wir reflektieren und bereit sind, alles in uns aufzunehmen.«