Irrelevant

Über allem der Pleitegeier

Komponisten und das liebe Geld

von Christian Geltinger Friday 31.05.2019
In Wagners »Ring« macht es viele Probleme, in seinem Leben auch: das Gold;

Von der Hand in den Mund

Blickt man auf die Einkommensverhältnisse zahlreicher Komponisten vergangener Jahrhunderte zurück, so ließe sich eine Musikgeschichte des finanziellen Bankrotts schreiben. In Zeiten, die das Urheberrecht noch nicht kannte – für die Einführung des Urheberrechts an Bühnenwerken war unter anderem der Komponist Richard Strauss mit verantwortlich  –, lebten die Komponisten von der Hand in den Mund. Wenn man also nicht einen potenten Mäzen an seiner Seite hatte, war das Leben als Musiker bisweilen alles andere als glamourös. Antonio Vivaldi starb vollkommen verarmt, nachdem sich der Musikgeschmack seiner Zeit verändert hatte, und wurde in einem einfachen Grab auf dem Spittaler Gottesacker in Wien begraben. Mozart versuchte sich in seinen Wiener Jahren als »freischaffender« Musiker und kam eher schlecht als recht über die Runden. Über dem Hause von Albert Lortzing schwebte ununterbrochen der Pleitegeier. Und auch so manches Theaterunternehmen erwies sich über kurz oder lang als ein Himmelfahrtskommando. Selbst Händel ist mit seiner eigenen Operncompany Baden gegangen, was allerdings sein priavtes Auskommen kaum tangierte. Er hatte in den fetten Jahren rechtzeitig genug in Staatsanleihen der Bank of England investiert und sicherte sich dadurch das mietfreie Eigentum für die Rente.

Auf der Flucht vor den Gläubigern

Dass finanzielle Engpässe durchaus auch mit einem etwas zu ausschweifenden Lebenswandel einhergehen können, dafür ist der in Leipzig geborene Richard Wagner das beste Beispiel. Die Flucht vor den Gläubigern trieb ihn durch ganz Europa, bis er schließlich in dem kunstsinnigen bayerischen »Märchenkönig« Ludwig II. einen großzügigen Förderer seiner Musik fand. Doch irgendwann wurden die schwindelerregenden Summen, die der große Meister den Staatskassen kostete, den Münchner zu bunt und setzten der »Verschwendungssucht« ein Ende.

Richard Wagner
Antonio Vivaldi
Albert Lortzing
Leo Fall

Hochmut kommt vor dem Fall

Auch der Operettenkomponist Leo Fall gehörte zu derjenigen Spezies von Künstlern, die alles andere als ein Händchen für Geld hatten. Wenn ihm auch Zeitzeugen attestierten, er sähe aus wie ein »Bankdirektor«, so war sein Umgang mit den Finanzen mitnichten das eines Bankers: »In seinen besten Zeiten, da er aus dem In- und Ausland ein wahres Vermögen an Aufführungs- und Verlagstantiemen bezog, häuften sich auf seinem Schreibtisch Hunderte von Lieferantenrechnungen. Die meisten Gläubiger klagten, es entstanden Prozesse, und die Schulden des Komponisten verdreifachten sich durch die Spesen.« Vielleicht haben gerade deshalb viele seiner Werke mit dem Traum vom schnellen Geld zu tun. Das Leben vom neureichen Jetset-Bachelor (»Rosen aus Florida«) oder schillernden Millionärstöchtern (»Dollarprinzessin«) scheint ihn fasziniert zu haben. In Bezug auf Geld war Leo Fall ein Kind seiner Zeit, die als Überschrift eine Zeile aus seiner Operette »Der süße Kavalier« tragen könnte: »Heut bin ich gut bei Finanzen, komm' tanzen.« Außerdem war Fall ein Freund des Glücksspiels, was nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhte. Er verspielte an einem Abend Tausende von Kronen. Die Leidtragende an dem finanziellen Fiasko, das Leo Fall hinterlassen hat, war jedoch Falls Frau Bertha, auch wenn gemunkelt wird, dass sie an dem finanziellen Desaster nicht ganz unschuldig war. Die hatte das »Erbe« zu verwalten. Zu seinem Nachlass zählten Verbindlichkeiten in Höhe von 157.237,96 Schillingen und eine Hypothek auf das Grundstück in der Lainzerstraße 127, dazu Privatschulden in Höhe von 35.000 Schillingen. Was an Tantiemen in die Kasse floss, fraßen die Gläubiger wieder auf. Dazu kamen horrende Steuerforderungen. Nach langen Rechtsstreitigkeiten setzte Bertha Fall schließlich am 12. Dezember 1934 ihrem Leben ein Ende.