Oper

Immer großes Kino

Giacomo Puccinis cineastische Klangwelten

von Christian Geltinger Thursday 07.03.2019
Der Komponist Giacomo Puccini

Eine widersprüchliche Persönlichkeit

Wer einmal die Gegend rund um das kleine Dörfchen Torre del Lago in der toskanischen Kommune Viareggio unweit der Stadt Lucca besucht hat, der bekommt einen Eindruck von der ungebrochenen Popularität des Komponisten Giacomo Puccini, dem die am malerischen Lago di Massaciucolli gelegene Stadt alljährlich ein Festival widmet. Nach kurzer Zeit entwickelt man aber auch ein Gefühl für die inneren Widersprüche eines Künstlers, der einerseits einer der ersten international agierenden Akteure der damaligen Musikszene und damit auch der beginnenden Massenkultur war, dessen Privatleben sich aber auf der anderen Seite zwischen der Geburtsstadt Lucca und seinem Rückzugsort Torre del Lago auf engstem Raum abgespielt hat. Insbesondere ein Blick in das kleine Landhaus, das sich der in einfache Verhältnisse geborene und schnell zu Weltruhm gelangte Komponist als eine Art Fluchtpunkt in die bürgerliche Beschaulichkeit bewahrte, lässt viele Rückschlüsse über den Komponisten zu, der sich buchstäblich nicht in die Karten schauen lässt.

Spätbürgerliche Dekadenz

Betritt man die Villa, die von außen relativ bescheiden wirkt, drängt sich in den düster-verrauchten Räumen ein Hauch spätbürgerlicher Dekadenz ins Bewusstsein, in der sich der Bohemien stilisierte. Gleichzeitig ist man vollkommen überrascht, wie eng die unterschiedlichsten Lebenswelten des Komponisten beieinanderliegen, hier das klapprige Klavier, auf dem er einen Teil seiner Welterfolge komponierte, da der Spieltisch des passionierten Kartenspielers und der Ausblick auf den See, den der besessene Waffennarr für die eine oder andere Entenjagd nutzte. Puccini ist ein Künstler der Gegensätze, hier der hochsensible, von Selbstzweifeln zerfressene und zu Depressionen neigende Künstler, dort der volkstümlich-lebensnahe Lebemann. Diese Gegensätze spiegeln sich auf unterschiedlichste Art und Weise auch in seiner Musik. Mit einem Bein steht der Komponist fest verwurzelt im Melodienreichtum und bürgerlichen Opernschmelz des 19. Jahrhunderts, bestes Beispiel ist die »Tosca«, mit dem anderen zeigt er sich in Rhythmik und Harmonik durchaus neueren Entwicklungen aufgeschlossen, was insbesondere in der Orchesterbehandlung der »Turandot« zu beobachten ist. Zugleich kämpfte er immer gegen den Kitschverdacht und das Klischee des massenkompatiblen Komponisten, was sicherlich auch daran liegt, dass seine Opern immer großes Kino sind.

Puccini-Wochenende