Oper

Wandel und Wechsel I

Anekdoten aus dem Leipziger Leben Richard Wagners

von Thea Plath Donnerstag 16.06.2022
Auf dem Richard-Wagner-Platz © Alisa Marie Krause

Vater

»Die Ebenen von Leipzig werden abermals eine fürchterliche Schlacht erleben […]. Diese Schlacht wird mehrere Tage dauern, denn die Lage ist einzigartig und die Entscheidung von unendlichen Folgen.« Was der Oberbefehlshaber der alliierten Truppen am Vorabend der Völkerschlacht bei Leipzig an seine Frau schreibt, sollte sich als zutreffende Prognose der dreitägigen Kämpfe erweisen. Für die Massen an Verletzten reichen die Lazarette der Stadt bald nicht mehr aus und so werden täglich tausende Tote in Massengräbern verscharrt. Einige Leichen können gar nicht beerdigt werden, sodass sich in der Elster ihre Kadaver ansammeln. Die Folge ist eine Typhusepidemie, welche auch Einfluss auf das Leben des sechs Monate alten Richard Wagners hat: Sein Vater, Carl Friedrich Wagner, stirbt dadurch am 23. November 1813 und hinterlässt seine Frau Johanna und ihre acht Kinder ohne finanzielle Unterstützung. In die damals bereits existierende Witwenkasse hatte er nur spärlich eingezahlt.

»Meine frühesten Jugenderinnerungen haften an diesem Stiefvater, und gleiten von ihm auf das Theater über.«

Richard Wagner

Kindheit

1814 heiratet Johanna Ludwig Geyer, einen Freund ihres verstorbenen Gatten. Der in Dresden wirkende Porträtmaler, Schriftsteller und Schauspieler sichert die Familie nicht nur finanziell ab, sondern weckt auch Richards Interesse am Theater. Dank ihm übernimmt der Junge kleinere Rollen an der Dresdner Komödie und beginnt sich intensiv mit der Welt des Theaters zu beschäftigen. Im Kinderzimmer spielt Richard Stücke nach, mit Vorliebe die Opern Carl Maria von Webers, und inszeniert diese. Er baut Kulissen und bastelt Requisiten. Anders als bei vielen seiner Vorgänger, ist bei Richard Wagner nicht die Rede von frühzeitiger musikalischer Begabung im Sinne eines »Wunderkindes«. Seine Interessen sind vielseitig: Er liebt den Griechisch-Unterricht und ist fasziniert von Homer. Englisch lernt er, um Shakespeare im Original lesen zu können und seine Mutter berichtet außerdem, dass er Freude an den Geographie-Stunden habe. Am Vorabend seines Todes jedoch, hört Ludwig Geyer seinen Stiefsohn am Klavier: »Sollte er etwa Talent zur Musik haben?«

»Meine Vernach-lässigung der Schule erreichte den Grad, dass es notwendig zu einem Bruche mit ihr führen musste.«

Richard Wagner

Schule

Richard hat zwar Freude an einzelnen Schulfächern, jedoch ist seine Motivation in der Schule sehr begrenzt, sodass er mit dem Wechsel auf die Nikolaischule in Leipzig eine Stufe zurückgesetzt wird. Immer mehr kristallisiert sich seine Vorliebe für Theater und Musik heraus. Sein frühzeitiger Abgang wird in der Nikolaischule unter den Worten „will Musicus werden“ vermerkt. Eine Chance bekommt Richard aber noch: Ab 1830 besucht er die Thomasschule zu Leipzig, welche er jedoch aufgrund ungenügender Leistungen ohne Reifeprüfung verlassen muss. Richard hatte das jedoch provoziert. Bereits als Gymnasiast sehnt er sich nach dem berüchtigten Leipziger Studentenleben. Obwohl er kein Abgangszeugnis erhält, kann sich Richard Wagner 1831, noch vor Ende des Schuljahres, als Student der Musik an der Universität Leipzig immatrikulieren.

»Und nun begann eine Zeit der Glorie für das Studententhum, wie ich sie nur je in meinen Gymnasiasten-Träumen mir hätte ersehen können. Mein Ziel war erreicht.«

Richard Wagner

Studium

Wagner ist besonders begeistert von farbentragenden Studenten der Leipziger Verbindungen. Bereits während seiner Gymnasialzeit berichtet er von ersten Fechtstunden, sogenannten »Paukereien«, und seiner Sehnsucht ebenfalls Farben tragen zu können. Als Student wird er Mitglied des Corps Saxonia, früher Landsmannschaft Saxonia, wo er seine Rauflust auslebt und nur mit Glück sechs Duellforderungen entgeht, weil seine Gegenpaukanten jeweils ausfallen. 1831 ficht Wagner seine erste und einzige Partie mit einem Leipziger »Lusaten« namens Degelow, welche er in seiner Autobiographie stolz beschreibt. Wagners Mitgliedschaft bei den »Sachsen« ist jedoch nur von zeitweiliger Dauer. Neben Vernachlässigung des Studiums und seiner künstlerischen Ausbildung ist ihm die unpolitische Haltung der Corps zuwider. Im Gegensatz zu den, von Wagner später als »edler« bezeichneten, Burschenschaftern äußern sich seine Corpsbrüder nicht zu aktuellen Ereignissen und teilen seine »schmerzlichste Trauer« über die polnische Niederlage bei Ostrolenka nicht. So tritt er aus dem Corps Saxonia und somit aus dem »sinnlosen Studententreiben« aus und konzentriert sich auf seine künstlerischen sowie politischen Studien.