Leipziger Ballett

Transparenz

Der Inspizient Sebastian Angermaier blickt auf die gemeinsame Zeit mit Mario Schröder zurück.

von Anna Diepold Samstag 10.04.2021
Mario Schröder und Sebastian Angermaier. © Ida Zenna

In dieser Spielzeit feiern wir das zehnjährige Jubiläum unseres Ballettdirektors und Chefchoreografen Mario Schröder. In den vergangenen Wochen haben die Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles ihre Erinnerungen und Eindrücke an die gemeinsame Arbeit mit Mario Schröder geteilt. Heute blickt ein Weggefährte auf die Arbeit mit Mario Schröder zurück, der in dieser Tätigkeit auch sein zehnjähriges Jubiläum feiert: der Inspizient Sebastian Angermaier.

Die Arbeit eines Inspizienten

»Ein Inspizient regelt die Abläufe des Bühnengeschehens. Ich bin Knotenpunkt für alle Dinge, die während einer Vorstellung passieren müssen und bin für das genaue Timing zuständig. Zum Beispiel wann welche Künstler zur Bühne gerufen wird oder Zeichen an die verschiedenen Positionen der Technik gegeben werden müssen. Vieles in diesem Beruf läuft über einen eigenen Erfahrungsschatz. Ich kann die verschiedenen Abläufe und Prozesse mittlerweile gut steuern und manchmal wie Bälle in der Luft jonglieren. Ich spüre wann etwas zu lange dauert und wo ich dann wieder Zeit einsparen kann. Zum Beispiel in Situationen bei denen alle auf Position sein müssen und jemand fehlt. Damit ein Vorhang aufgehen kann, muss wahnsinnig viel schon vorher passieren. Wenn Sand im Getriebe ist, versuche ich natürlich Ruhe zu bewahren, und wenn etwas gar nicht funktioniert, muss ich eine Entscheidung treffen, wer nun im Zweifel warten muss…
Was mir am Inspizieren vor allem Freude bereitet, ist die gemeinsame Kommunikation. Über die Arbeit lernt man gut von- und miteinander und kann dadurch wachsen. Ich lerne nie aus über die Arbeitsweisen der Kollege. Und wie stellen uns immer wieder neu aufeinander ein. Das geht hin bis zu ganz präzisen Timing-Situationen, wo es sogar auf die Reaktionszeiten ankommt. Dadurch wird jede Vorstellung auch ein bisschen anders. Das ist das Schöne am Theater.«

Sebastian Angermaier © Ida Zenna
Sebastian Angermaier © Ida Zenna

Eine gemeinsame Garderobe

»Mario kenne ich schon lange. Wir haben noch eine Weile gemeinsam getanzt, als ich 1997 in Leipzig angefangen hatte. Ich war zwar noch Gruppentänzer, aber wir waren in der gleichen Garderobe untergebracht. Wir hatten ganz unterschiedliche Arbeitsaufgaben: Mario war Solist und ich damals noch im »Corps de Ballet«. Aber wir haben uns immer mal getroffen und uns ausgetauscht. Als er dann einige Jahre später als Direktor wiedergekommen ist, haben wir miteinander gesprochen, wie es nun weitergeht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits eine Weiterbildung gemacht und wusste, dass ich nicht mehr lange aktiv tanzen wollte. Die Stelle der damaligen Ballettinspizientin wurde frei und so haben wir überlegt, dass ich für Mario inspizieren könnte. Ich dachte, ich würde das nur eine kurze Zeit machen. Das ist jetzt 10 Jahre her.«

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Mario Schröder, Matthew Bindley, Valentin Vassilev und Sebastian Angermaier bei einer Probe. © Ida Zenna
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Sebastian Angermaier und Mario Schröder. © Ida Zenna
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Die Aufzeichnungen eines Inspizienten. © Ida Zenna
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Sebastian Angermaier © Ida Zenna
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Gemeinsame Erinnerungen © Ida Zenna

Transparenz und Vertrauen

»Die Kreation eines neuen Stückes beginnt für Mario, gemeinsam mit seinem Team, mit einer Idee. Diese Idee muss auf die Möglichkeiten der Oper Leipzig übertragen werden. In diesem Prozess wird man immer wieder mit Grenzen konfrontiert. Und auch wenn die engste Zusammenarbeit zwischen Mario und mir erst recht spät mit den Bühnenproben beginnt, bin ich zu Bauproben oder ähnlichem auch immer mit dabei. Mario muss diese Grenzen austesten, um das, was er machen will, zu verwirklichen. Ich finde es reizvoll und auch aus künstlerischer Sicht sinnvoll, ihn dabei zu unterstützen, diese Grenzen auszureizen. Wenn es möglich ist, sogar diese Grenzen neu zu ziehen. Wenn etwas nicht möglich scheint, denkt man ja erstmal drüber nach: Wieso ist das so? Kann das auch anders gehen und könnte man eventuell zu starre Systeme, die etwas verhindern, nicht abändern. Und dann kann man weiter gehen. Ich versuche ihm da so gut es geht zur Seite zu stehen und Schulter an Schulter für die gleiche Sache zu arbeiten. Auf der anderen Seite sehe ich natürlich, mit dem Wissen eines Inspizienten, wenn Abläufe nicht funktionieren können und kann Mario das sofort spiegeln. Meine Ratschläge weiß er dort auch zu schätzen, vertraut auf mein Urteil und wir suchen dann gemeinsam eine andere Variante. Das Vertrauen gibt es in beide Richtungen. Ich vertraue ihm ebenfalls und es ist ein Verständnis für Arbeit des anderen immer gegeben.«

Mario Schröder und Sebastian Angermaier © Ida Zenna
Mario Schröder und Sebastian Angermaier © Ida Zenna

Stücke, die wachsen

»Nach der Premiere spielt sich ein Stück natürlich auch ein. Wenn es läuft, mit allen Menschen die an unterschiedlichen Positionen sitzen, dann ist das wie ein Gefüge. Es bleibt weiter ein aktiver Prozess und man ist dabei konstant am Korrigieren und versucht, mit Abläufen und im Timing, immer die bestmögliche Variante zu konstruieren. Das ist ein bisschen wie ein Trainingsvorgang. Über eine Spielzeit hinweg verändern sich kleine Details, die dann anders sind, als Mario das eigentlich geplant hatte. Ich merke das, weil ich die ursprüngliche Idee in meinem Inspizienten-Buch stehen habe, passe meine Arbeit dann aber trotzdem an diese kleinen Änderungen an. Wenn wir ein Stück eine oder zwei Spielzeiten später wieder aufnehmen, fahre ich die Prozesse so, wie sie im Buch stehen, also so wie sie original gewollt worden sind. Und dann kommt Mario auf mich zu und korrigiert genau diese Dinge, diese Änderungen, die er gar nicht mitbekommen hatte, weil er das Stück ja immer und immer wieder sieht und die Änderungen so minimal sind. Aber diese Dinge, die ich eingeflochten habe, sind dann Teil der Wahrnehmung und Erinnerung, die Mario an das Stück hat.«