Leipziger Ballett

Reflektionen

Im ersten Teil der Reihe #marioschroeder10 spricht der Choreograf über seinen Weg zum Tanz.

von Nele Winter Donnerstag 03.12.2020
Nele Winter im Gespräch mit Ballettdirektor und Chefchoreograf Mario Schröder in seinem Büro © Ida Zenna

Seit zehn Jahren ist Mario Schröder Ballettdirektor und Chefchoreograf des Leipziger Ballett. Seine künstlerische Arbeit hier umschreibt er mit dem Begriff »Kosmostheater«. Von seinem Heimatplaneten im Leipziger Opernhaus aus erschaffen der Choreograf und seine Tänzerinnen und Tänzer ihren eigenen Kosmos, kreieren immer wieder neue Planeten in ihrem Sonnensystem und senden Raumschiffe und -sonden aus zu nahen und ferneren Galaxien. In der Reihe #marioschroeder10 soll dieser Kosmos, in dessen Zentrum der Mensch und Choreograf Mario Schröder steht, näher beleuchtet werden. Im ersten Teil geht es um seine ersten Tanzschritte und darum, wie seine Begeistertung für diese Kunstform entstand.

Körpersprache

»Wenn ich als Kind gespielt habe, habe ich mich leidenschaftlich gerne in verschiedene Rollen hineinversetzt, fast wie in einem Theaterstück. Da hätte ich aber noch nie gedacht, dass ich mal am Theater arbeiten würde. Was mich damals schon sehr fasziniert hat, waren Stummfilme mit Harold Lloyd oder Charlie Chaplin. Wie sie mit ihren Körpern gesprochen, Geschichten erzählt haben, ihr Umgang mit Humor aber auch mit Melancholie und Traurigkeit, das alles hat mich sehr fasziniert und ich konnte mir die Filme stundenlang anschauen. Ich war damals sehr aktiv im Fußball, wurde dessen allerdings etwas müde und habe mich dann nach anderen Sportarten umgesehen. Ich habe Leichtathletik und Geräteturnen ausprobiert, aber irgendwie war noch nicht das Richtige dabei. Das hat meine Mutter gemerkt und schlug mir vor, Ballett auszuprobieren. Ich wusste damals gar nicht, was das ist. Meine Mutter sagte dann ganz intuitiv: ›Das ist sowas, wie der Charlie Chaplin macht.‹ So bin ich zum Tanz gekommen.«

© Ida Zenna
© Ida Zenna

Erste Schritte

»Eine Situation, die mich dann in eine völlig neue Welt katapultiert hat, war die Aufnahmeprüfung an der Palucca-Schule. Ich war eher still als Kind und stand nun barfuß in meinen Fußballerhosen zwischen vielen anderen Kindern, die um mich herumwuselten. Jetzt sollte ich tanzen und improvisieren. Gret Palucca merkte, dass ich mich umwohl fühlte, und fragte mich, ob alles in Ordnung sei. Ich sagte, dass ich gar nicht weiß, wie Tanzen geht. Sie antwortete dann ganz spontan: ›Tanze doch einfach, wie du dich fühlst, ohne Worte.‹ Und das habe ich dann versucht umzusetzen. Sie hat mich dabei nicht vor den anderen ausgestellt, sondern war sehr einfühlsam. Dann habe ich meine ersten Schritte gemacht, minimalistische, wahrscheinlich eher pantomimische Bewegungen. Als es vorbei war, war ich einerseits erleichtert, andererseits habe ich gemerkt, dass es etwas mit mir gemacht hat, das ich nicht erklären konnte. Natürlich habe ich mich auch gefreut, dass ich eines von den etwa 30 Kindern war, die aus hunderten ausgewählt wurden. Der Tanz hat mich danach nicht mehr losgelassen.«

Mario Schröder mit seiner Schwester Silvana Schröder © Ida Zenna
Mario Schröder mit seiner Schwester Silvana Schröder © Ida Zenna

Freiheit im Innen und Außen

»Ich war kein extrovertierter Tänzer. Gerade bei anfänglichen Improvisationen hatte ich Hemmungen. Aber wenn ich allein war, habe ich angefangen für mich selbst zu tanzen. Da hatte ich das erste Mal dieses Gefühl von Freiheit. Ich habe aber gemerkt, dass ich noch einen abgeschlossenen Raum brauchte, eine Kapsel, in der ich alles andere ausblenden konnte. In so einer beinahe selbstbezogenen Eigenreflektion zu arbeiten, war zunächst wichtig für mich. Später stellte ich fest, dass ich mich umso freier bewegen konnte, je mehr ich dazulernte. Das hat nicht nur mit Technik zu tun, sondern auch mit dem Geist. Ich merkte auch, dass ich ohne den äußeren Raum, ohne die anderen Menschen nicht auskomme und wie wertvoll diese für mich sind. Das Tanzen ist wie eine fremde Sprache, die man lernt und irgendwann in- und auswendig kennt, sodass man sie nicht nur spricht, sondern auch fühlt und träumt. Ich merkte bald, dass ich mehr und mehr durch den Tanz sprechen konnte. Denn für mich geht der Tanz Hand in Hand mit der Freiheit: die Freiheit sich zu äußern, die Freiheit Fragen zu stellen, die Freiheit zu denken, die Freiheit zu betrachten, die Freiheit aufzunehmen.«