Junge Oper Leipzig

Ich glaub, ich steh im Wald

Der musikalische Jugendtheaterclub rüstet sich für »SORRY-NOT SORRY«

von Anna-Lena Kaschubowski Dienstag 04.06.2019
Probeneindrücke zu »SORRY - NOT SORRY«

Hat jemand Wanderschuhe in 46?

Stimmengewirr und Gewusel dringen an diesem Montagabend aus dem Venussaal der Musikalischen Komödie. Kurz vor Beginn der Probe des Musikalischen Jugendtheaterclubs werden Texte wiederholt und Requisiten sortiert. »Hat jemand Wanderschuhe in 46?« fragt ein Ensemblemitglied durch den Raum. Wenn die jungen Erwachsenen am 6. Juni in »SORRY – NOT SORRY« auf der Bühne stehen, dann wird ihr eigenes Stück zu sehen sein. Nicht nur die Kostüme sind selbst organisiert, die Musik von ihnen ausgewählt. Mehr noch: Das gesamte Stück ist selbst entwickelt und verfasst.

Dazu hat Musiktheaterpädagogin Christina Geißler vor Beginn des Projekts Fragebögen an die Teilnehmer verteilt. Sie wollte herausfinden, was diese in ihrem Alltag bewegt, beschäftigt. Aus den anonymisierten Antworten galt es, ein für das gesamte Ensemble passendes Stück zu bauen. Im Laufe dieses Prozesses kristallisierte sich Cybermobbing als Thema heraus.

Digital Detox

Die Handlung von »SORRY-NOT SORRY« kommt zunächst lustig daher: Eine Handvoll Jugendliche begibt sich zum Digital-Detox-Camp in den Wald. Eine Extremsituation, ein Clash-of-clichés, in der strickende Tierschützerin auf Instagram-Star, übermotivierter Camp-Ranger auf Retalin-Junky trifft. Aber schnell wird klar, dass jeder Camp-Teilnehmer seine persönliche Geschichte aus der digitalen Welt mitbringt. Franzi hat sich im Chat verliebt – und danach plötzlich ihre intimsten Nachrichten veröffentlicht vorgefunden. Lilli erntet einen Shitstorm, weil sie vermeintlich vegan lebt. Und Lorina fragt sich, ob sie nach einer Woche ohne Handy überhaupt noch Freunde hat.

Über den Geschichten steht die Frage nach dem Umgang mit der digitalen und realen Identität. Wie zeige ich mich? Wer bin ich wirklich? Und wie schnell schlägt vermeintliche Bewunderung in Mobbing um?

None
Probeneindrücke zu »SORRY -NOT SORRY« mit dem Jugendtheaterclub und Leiterin Christina Geißler

Bewegende Berichte

»SORRY-NOT SORRY« zeigt all dies niemals mit dem erhobenen Zeigefinger. Es ist keine oberflächliche Warnung davor, Persönliches im Internet preiszugeben. Vielmehr sind es bewegende Berichte. Die Figuren sind bei aller Ehrlichkeit überzeichnet, mit einer Prise Humor versehen und berührenden Songs untermalt. So kann ein auf allen Ebenen gelungener Theaterabend entstehen.

Den jungen Erwachsenen merkt man an, wie viele Liebe und Energie in diesem Projekt steckt. Die Probenatmosphäre ist konzentriert, aber trotzdem voller Leichtigkeit und Lachen. Man spürt sofort, dass dort ein wirklich gutes Team auf der Bühne steht, das Theater von der ersten Stückidee bis zum Schlussapplaus erlebt und erlebbar macht.