Oper

Gustav Brecher

Der Künstler wird mit einem Festakt und Stolpersteinen geehrt.

von Nele Winter Montag 16.05.2022
Der Stolperstein für Gustav Brecher vor der Verlegung © Ida Zenna

Die Oper Leipzig ehrt den Dirigenten Gustav Brecher mit Stolpersteinen vor dem Opernhaus und in Markkleeberg sowie der Umbenennung der Probebühne. Brecher war eine zentrale Figur des Leipziger Musiktheaters. Seine Idee, alle Bühnenwerke Wagners im Rahmen eines Festivals in Leipzig aufzuführen, wurde von den Nationalsozialisten vereitelt und später unter anderen Vorzeichen übernommen. Mit »Wagner 22« bezieht sich die Oper Leipzig auf die Idee Brechers und verneigt sich vor dem herausragenden Künstler.

Festakt für Gustav Brecher

»Gustav Brecher Probebühne« – Dieser neue Schriftzug ziert nun die Eingangstüren der ehemaligen Probebühne 1 der Oper Leipzig. In einem Festakt im kleinen Kreis wurde am Freitag, den 13. Mai 2022 die Umbenennung gefeiert. Der Anlass dafür ist das bevorstehende Festival »Wagner 22«, mit dem die Oper Leipzig sich auf eine Idee Gustav Brechers bezieht, der von 1923-33 Generalmusikdirektor und Künstlerischer Leiter der Leipziger Oper war. Er plante damals die Aufführung aller Wagner-Opern (mit Ausnahme der ersten beiden Frühwerke) anlässlich Wagners 50. Todestages im Jahr 1933. Das Unternehmen wurde jedoch abgebrochen, da Brecher von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben und aus Leipzig vertrieben wurde. Fünf Jahre später übernahm die neue, systemkonforme Opernleitung die Idee Brechers, ganz im Sinne der üblichen ideologischen Vereinnahmung Wagners durch die Nationalsozialisten.

Der neue Schriftzug über der Gustav Brecher Probebühne © Ida Zenna
Der neue Schriftzug über der Gustav Brecher Probebühne © Ida Zenna

Die Initiative zur Ehrung Gustav Brechers ging von Prof. Ulf Schirmer, Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, aus. In seiner Rede erklärte er, warum dieser Raum ausgewählt wurde: »Wir haben uns für die Probebühne entschieden, weil das ein Ort ist, wo viel gearbeitet wird, und Gustav Brecher war ein Workaholic, wie man heute sagen würde«. Passend dazu wurde von Bariton Franz Xaver Schlecht und Studienleiter Ugo d’Orazio ein Lied von Gustav Brecher dargeboten. »Der Arbeitsmann« erzählt vom einfachen Leben, dem nur eins zum Glück fehlt: Zeit. Wenn man an das Schicksal denkt, das Gustav Brecher und seine Frau Getrud Brecher (geb. Deutsch) ereilt hat, macht dieser Text betroffen. Nachdem das jüdische Paar aus Leipzig vertrieben wurde, versuchten sie nach einigen Zwischenstationen in Berlin, Prag und Wien über Belgien zu fliehen, was ihnen nicht gelang. Als die Nationalsozialisten im Mai 1940 in Belgien einmarschierten, sahen sie keinen Ausweg mehr. Obwohl die tatsächliche Todesursache ungeklärt blieb, ist es wahrscheinlich, dass sie in ihrer aussichtslosen Lage den Freitod wählten. »Auch ein Suizid kann ein Mord sein«, hielt die Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke in ihrer Rede im Rahmen des Festakts fest.

»Uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind, als all das, was durch uns gedeiht, um so frei zu sein, wie die Vögel sind: nur Zeit!«

»Der Arbeitsmann« - Gustav Brecher / Richard Dehmel

Anschließend erklang ein weiteres Lied von Gustav Brecher. Der Tenor Matthias Stier sang »O schwarze Nacht« mit einem Text von Johann Gottfried Herder. Zum Abschluss des Festakts wurde ein Relief mit dem Profil von Gustav Brecher feierlich von Prof. Schirmer, Dr. Jennicke und Wolfgang Ramser von Förderkreis der Oper Leipzig e.V. enthüllt. Der Förderkreis hat die Gedenktafel sowie die neuen Schriftzüge der Probebühne ermöglicht. Hergestellt wurden das Relief sowie die Schriftzüge von Bert Noack. Die Bronzegießerei Noack ist ein Leipziger Familienbetrieb in vierter Generation. Hier wurde unter anderem 1908 die bekannte Bronze-Statue von Johann Sebastian Bach gegossen, die auf dem Thomaskirchhof steht.

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Dr. Skadi Jennicke, Prof. Ulf Schirmer und Wolfgang Ramsner © Ida Zenna
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Prof. Schirmer und Dr. Jennicke © Ida Zenna
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Während des Festakts auf der Probebühne © Ida Zenna
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Bariton Franz Xaver Schlecht © Ida Zenna
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Die Gedenktafel für Gustav Brecher © Ida Zenna
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Tenor Matthias Stier © Ida Zenna

Stolpersteine

Gustav Brecher lebte gemeinsam mit seiner Frau Gertrud Brecher (geb. Deutsch) in der Parkstraße in Markkleeberg, direkt am idyllischen agra-Park, bevor sie 1933 vertrieben wurden. Die Villa, in der sie damals wohnten, existiert noch. Am 16. Mai, einem sonnigen Montagvormittag, wurde der Gehweg vor dem Haus zum Schauplatz einer bewegenden Zeremonie. Der Künstler Gunter Demnig reiste an, um zwei Stolpersteine für das Ehepaar zu verlegen. Während der Verlegung verlasen Schülerinnen und Schüler der Rudolf-Hildebrand-Schule die Biografien der Brechers und sangen anschließend zwei jüdische Lieder. Die AG Spurensuche des Gymnasiums hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schicksale von verfolgten Juden und Widerstandskämpfern aus Markkleeberg zu erforschen. Der Oberbürgermeister Karsten Schütze und Prof. Ulf Schirmer waren ebenfalls vor Ort und betonten, wie wichtig es ist, die Erinnerung an Schicksale wie die der Brechers aufrecht zu erhalten.

Die Stolpersteine für Gustav und Gertrud Brecher in Markkleeberg © Nele Winter
Die Stolpersteine für Gustav und Gertrud Brecher in Markkleeberg © Nele Winter

Prof. Ulf Schirmer übernimmt die Patenschaft für die beiden Stolpersteine in Markleeberg sowie für einen weiteren Stein für Gustav Brecher vor dem Haupteingang des Opernhauses auf dem Augustusplatz. Die Verlegung dieses dritten Steins fand noch am selben Tag statt. Inzwischen war es bedeckt und während der Verlegung fing es an zu regnen. »Passend zum Anlass weint der Himmel«, konstatierte Prof. Schirmer. Normalerweise werden die Stolpersteine vor den Wohnhäusern der Menschen verlegt, derer gedacht wird. Die Planung dafür übernimmt in Leipzig Achim Beier vom Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. Dem Intendanten der Oper Leipzig war es allerdings wichtig, Gustav Brecher mit einem zusätzlichen Stein vor dem Opernhaus zu würdigen.

Gunter Demnig im Gespräch mit Prof. Ulf Schirmer © Ida Zenna
Gunter Demnig im Gespräch mit Prof. Ulf Schirmer © Ida Zenna

Prof. Schirmer erklärte, wie bedeutend Gustav Brecher für Leipzig und die Oper war. So förderte er durch die Uraufführungen von Ernst Kreneks »Jonny spielt auf« und Brecht/Weills »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« die zeitgenössische Musik und erregte überregionales Aufsehen. Im Rahmen seiner Recherche für die Ehrung des Künstlers war Prof. Schirmer aufgefallen, dass heute so gut wie niemand den Namen Gustav Brechers kennt, obwohl er eine so wichtige Rolle im Leipziger Musikleben gespielt hat. Wie radikal die Erinnerung an wichtige Künstlerpersönlichkeiten durch die Nationalsozialisten ausgelöscht wurde, macht traurig und fassungslos. Der Intendant hofft, mithilfe der Stolpersteine und der Probebühne die Erinnerung an Gustav Brecher wiedererweckt zu haben und für kommende Generationen am Leben zu erhalten.

Gunter Demnig

Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen STOLPERSTEINE in 1265 Kommunen Deutschlands und in einundzwanzig Ländern Europas. »Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist«, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: HIER WOHNTE... Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.

stolpersteine.eu

»Auch ein Suizid kann ein Mord sein.«

Dr. Skadi Jennicke