Junge Oper Leipzig

Einsatz an der Nähmaschine

Tagebuch einer Theaterpädagogin auf Abwegen

von Romy Sarakacianis Donnerstag 02.04.2020
Romy Sarakacianis mit »Elfriede« im Malsaal der Oper Leipzig
Als Musiktheaterpädagogin der Jungen Oper Leipzig wäre ich heute eigentlich in der Neuen Nikolaischule für einen Workshop zur »Zauberflöte« gewesen. Spontan habe ich mich zur Mithilfe in der Kostümschneiderei gemeldet, welche Baumwollkittel und knapp gewordene Mund-Nasen-Masken für die Stadt Leipzig herstellt. Im umfunktionierten Malsaal der Theaterwerkstätten sitzen Kolleginnen und Kollegen aus dem Schauspiel, der Musikalischen Komödie und der Oper an Nähmaschinen oder stehen an Zuschneidetischen, natürlich mit genügend Abstand zueinander. Als ich mich um 8 Uhr zum Dienst melde, rattern die Nähmaschinen schon fleißig und ich bin ein wenig aufgeregt. Ob meine Hobby-Nähkenntnisse ausreichen?
Die Chefin der Kostümschneiderei begrüßt mich und fragt mich, ob ich nähen kann. Sie weist mir für den ersten Tag eine einfache Aufgabe zu: das Schließen der langen Naht an den Ärmeln. Also einfach ca. 80 cm geradeaus nähen. »Das schaffe ich!« – denke ich optimistisch. Nach einer kurzen Instruktion bin ich auch schon mit Maschine Nummer 32 allein. Ich nenne sie Elfriede, da sie schon ein älterer, aber robuster Jahrgang zu sein scheint. Riesige Stapel weißer Baumwolle sind bestellt worden und werden nun zugeschnitten, mit elektrischen Rollschneidern, die aussehen wie kleine Handkreissägen. Damit können gleich mehrere Lagen geschnitten werden. Praktisch für die große Produktion!
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Nähanleitung für eine Maske
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Elfriede
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Schutzkleidung und Kostüme
Nachdem ich den ersten Ärmel eingespannt habe, startet Elfriede mit doppelter Kraft und dreifachen Tempo im Vergleich zu meiner Haushaltsmaschine. Ich bin so geschockt, dass mir fast der Stoff entgleitet. Die Naht ist nicht besonders gerade geworden. Beim zweiten Ärmel nähe ich ganz langsam, kämpfe aber auch hier mit der Geradlinigkeit. Was ist nur los? Ich spreche mir Mut zu. Meine Kollegin schmunzelt über mein Minenspiel. Nach vier weiteren Ärmelpaaren habe ich mich an Elfriedes Kraft gewöhnt. Sie schnurrt brav vor sich hin und ich entspanne mich. In der ersten Stunde habe ich zehn Paare geschafft. Durchatmen und Zeit mich umzusehen.
Am Arbeitsplatz vor mir werden die Nähte meiner Ärmel versäubert und die Bündchen angenäht. Und so wandert der Ärmel immer weiter, bis er schließlich mit dem Mittelteil des Kittels vereint wird. Das passiert bei Ina. Ina ist Ankleiderin an der Oper und näht meine Ärmel nun mit dem Körper des Kittels zusammen. Stolz stelle ich fest, dass meine einfache Naht ein wichtiger Teil an diesem Kleidungsstück ist. Wir tauschen auch Neuigkeiten aus, die Stimmung ist konzentriert und freundlich, aber die Leichtigkeit fehlt.
Es ist ein sehr merkwürdiges Bild, die Kleiderstangen mit den Kitteln, Kisten mit Mund-Nasen-Masken neben den bunten Kostümen der Zauberflöte zu sehen. Dann plötzlich gute Laune: Die Chefin freut sich, denn es ist endlich geeignetes Material für die Bündchen gekommen und davon gleich eine ganze Palette!

Am Ende des Tages habe ich 66 Ärmelpaare, also 132 Nähte geschafft. Mal sehen, ob Elfriede und ich uns morgen noch steigern.

Romy Sarakacianis