Oper

Donizetti goes West

Rolando Villazón inszeniert Donizettis »Liebestrank«. Ein Probentagebuch

von Elisabeth Kühne Mittwoch 03.07.2019
Rolando Villazón stellt enthusiastisch sein Regie-Konzept vor. © Kirsten Nijhof

Montag, 24. Juni 2019

10 Uhr: Die Stuhlreihen auf der Probebühne 1 sind gut gefüllt: Die Sängerinnen und Sänger, die Operndirektion, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Maske, Kostüm und Requisite, des Marketing, der Presse und vieler weiterer Abteilungen, sie alle haben sich an diesem Morgen versammelt und warten wie ich gespannt auf den Beginn der Konzeptionsprobe von Donizettis »Liebestrank« – und natürlich auf ihn: Rolando Villazón, der dieses Meisterwerk des Belcanto an der Oper Leipzig inszenieren wird. Die Produktion von »L’elisir d’amore« war Villazóns zweite Regiearbeit und feierte 2012 in Baden-Baden Premiere. Doch gleich zu Beginn stellt Villazón klar: »Wir machen es als eine neue Produktion – mit euch!«

Gemeinsam mit Bühnenbildner Johannes Leiacker und Kostümbildner Thibault Vancraenenbroeck präsentiert er das ungewöhnliche Konzept seiner Inszenierung, das man am Kürzesten vielleicht mit »Donizetti im Wilden Westen« umreißen könnte. Die Geschichte spielt in einem Filmstudio der 40er Jahre, in dem der Western »The Wild, Wild Girl« gedreht wird. Adina und Belcore agieren als Hauptdarsteller, Dulcamara führt Regie, spielt aber gleichzeitig auch als fahrender Indianerdoktor selbst mit. Nemorino ist als tollpatschiger Statist, der unsterblich in die Filmdiva Adina verliebt ist, natürlich auch mit von der Partie. Die Oper spielt also gleich auf zwei Ebenen: vor und hinter der Kamera. Neben den Szenen des gedrehten Films wird somit auch sichtbar, was in der Wirklichkeit des Filmsets geschieht, beispielsweise im ersten Duett von Adina und Nemoriono.

11 Uhr: Nach einer guten halben Stunde ist das Konzeptionsgespräch beendet. Nun übernimmt die junge litauische Dirigentin Giedrė Šlekytė die Leitung: Ein erster musikalischer Durchlauf mit den Solisten der Produktion steht an. Nach den richtigen Tönen muss hier natürlich niemand mehr suchen, alle sind bestens vorbereitet. Vielmehr werden die Tempi und Dynamik abgesprochen.

14:30 Uhr: Die erste szenische Probe. Gleich zu Beginn fällt mir das hohe Tempo auf, das Villazón in der Arbeit mit den Sängerinnen und Sängern vorlegt. Szene für Szene wird gestellt, alle sind höchst konzentriert bei der Sache. »Ich möchte versuchen, am Anfang so weit wie möglich zu kommen. Dann haben wir Zeit, die Details zu finden«, betont Villazón. Trotzdem herrscht eine angenehm gelöste Atmosphäre – immer wieder wird gescherzt und gelacht, das lockert auf. Und auch die Energie Villazóns wirkt wahrhaft ansteckend. Denn als Regisseur agiert Rolando Villazón mit vollem Körpereinsatz, zeigt Haltungen und Positionen – und lässt die Solisten dennoch selbst die Figuren finden:

»Ich gebe Ideen, aber erst gemeinsam kann man die Rollen entwickeln – im Dialog.«

Rolando Villazón
Rolando Villazón mit dem »Liebestrank«-Klavierauszug © Anna-Lena Kaschubowski

Mittwoch, 26. Juni 2019

10:30 Uhr: Heute steht eine Probe mit dem Chor der Oper Leipzig auf dem Plan. Aufmerksam folgen die Sängerinnen und Sänger den Ausführungen Villazóns. Denn die Szene ist kompliziert: Immer wieder wechselt die Inszenierung zwischen Filmhandlung und der Wirklichkeit am Filmset. Vor allem an der speziellen Bewegungssprache des Films arbeitet Villazón mit den Choristen. Inspiriert von Filmgrößen wie Charlie Chaplin, Buster Keaton oder Cantinflas, ein mexikanische Schauspieler, den Chaplin einmal als »lustigsten Mann der Welt« bezeichnete, greift Villazón dafür die Ästhetik der Stummfilmzeit auf. Akribisch feilt er an Mimik und Gestik – und an den punktgenauen Abläufen. Denn: »Comedy braucht vor allem eines: Timing!«

22 Uhr: In der Rekordzeit von drei Tagen ist der erste Akt geschafft! Kein Wunder: In der Zeit, in der andere Regisseure zwei Proben ansetzen, leitet Villazón drei. Neun Stunden täglich probt er mit Solisten, Chor und Komparserie. Und ich frage mich: Woher nimmt dieser Mann nur seine Energie?

Rolando Villazón mit dem Chor der Oper Leipzig © Anna-Lena Kaschubowski

Samstag, 29. Juni 2019

10 Uhr: Der vorerst letzte Probentag mit Rolando Villazón ist angebrochen. Nach insgesamt 51 Stunden Proben steht das grobe szenische Gerüst der Inszenierung. Ich habe das Gefühl, dass alle Beteiligten nach dieser intensiven Probenwoche ein wenig erschöpft sind, aber auch stolz auf das Geleistete. Nach der Spielzeitpause geht es weiter!