Oper

Alle 13?

Das Projekt Wagner 22 im historischen Kontext

von Christian Geltinger Mittwoch 30.09.2020
Steht im Sommer 2022 an der Oper Leipzig im Fokus: Richard Wagner

Am 1. Oktober ist es nun endlich soweit! Die Oper Leipzig gibt ihren offiziellen Startschuss für den Kartenvorverkauf von Wagner 22, der Aufführung aller musikdramatischen Bühnenwerke Richard Wagners im Rahmen eines dreiwöchigen Festivals im Juni und Juli 2022. Das klingt rekordverdächtig und in der Tat unterstreicht es einmal mehr die Leistungsfähigkeit dieses Hauses, das es geschafft hat, seit dem Jubiläumsjahr 2013 die Marke Richard Wagner in Leipzig konsequent auszubauen, sodass die Geburtsstadt des Komponisten bei Wagner-Fans aus aller Welt mittlerweile als zweites Bayreuth gilt.

Das Projekt hätte dem zum Größenwahn neigenden Komponisten sicher gefallen, zumal er nach der Ablehnung seines Erstlingswerks »Die Feen« auf seine Heimatstadt alles andere als gut zu sprechen war. Wenn man alle 13 Werke Richard Wagners zur Aufführung bringt, sollte man das nicht unreflektiert tun, insbesondere vor dem Hintergrund einer derart umstrittenen Künstlerpersönlichkeit wie Richard Wagner und ihrer ideologischen Vereinnahmungen. Die Oper Leipzig stellt die Aufführung aller musikdramatischen Bühnenwerke Richard Wagners daher bewusst in den Kontext ihrer Rezeptionsgeschichte in Leipzig. Der historische Spiritus rector für die Idee, erstmals alle Werke Richard Wagners in Leipzig auf die Bühne zu bringen, ist Gustav Brecher. Der Dirigent jüdischer Abstammung war in den Jahren 1923-1933 Generalmusikdirektor und Leitender Operndirektor am Leipziger Opernhaus und plante große Wagner-Festspiele anlässlich des 50. Todestages des Komponisten. Brecher, der zur Zeit der Weimarer Republik gemeinsam mit seinem Operndirektor Walther Brügmann das Leipziger Opernleben in ähnlicher Weise revolutionierte wie Otto Klemperer an der Kroll-Oper in Berlin und sich durch Uraufführungen von Werken wie »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« oder »Jonny spielt auf« einen Namen gemacht hat, wurde auf Grund seines Eintretens für die zeitgenössischen Entwicklungen auf dem Musiktheater unter dem Einfluss des zunehmend nationalsozialistisch gefärbten kulturpolitischen Klimas mehr und mehr zur Persona non grata. Schließlich musste er nach der Uraufführung von Kurt Weills »Silbersee« im Februar 1933 die Stadt verlassen. Fünf Jahre später schließlich – im Jahr 1938, dem 125. Geburtstag von Richard Wagner – wurde Brechers Idee verwirklicht, allerdings unter anderen ideologischen Vorzeichen. Gustav Brecher nahm sich 1940 gemeinsam mit seiner Frau das Leben.

Wenn die Oper Leipzig alle Werke Richard Wagners zur Aufführung bringt, so ist es ihr eine selbstverständliche Verpflichtung, dies mit einem historischen Bewusstsein für die wechselhafte Rezeptionsgeschichte gerade des Schaffens von Richard Wagner zu tun. Das Schicksal Gustav Brechers zeigt nicht nur, wie die Freiheit der Kunst zunächst unterschwellig, dann immer offensichtlicher durch populistische Hetze angegriffen und eingeschränkt wird und unterschiedliche Auffassungen über Kunst dazu benutzt werden, Menschen systematisch zu beschädigen und aus dem Weg zu räumen, es ist uns auch Mahnung für einen reflektierten Umgang mit der Person und dem Werk Richard Wagners.

Gemeinsam mit dem Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig wird die Oper Leipzig im Jahr 2022 unter anderem ein Symposium zur Rezeptionsgeschichte von Richard Wagner in Leipzig anbieten.